Inklusion im Gymnasium

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Kann ein Kind mit Down-Syndrom auf’s Gymnasium? Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin setzt sich mit dieser Frage auseinander.

Die Eltern des elfjährigen Henry mit Down-Syndrom wollten, dass er die weiterführende Schule in seinem Heimatort besucht. In einem Interview mit Felix Neumann, Social-Media-Redakteur bei katholisch.de, spricht sich Andreas Lob-Hüdepohl für die inklusive Schule aus, verweist aber zugleich auch darauf, dass und wo Änderungen im derzeit bestehenden System unabdingbar sind.

Sehr informative und aktuelle Beiträge zum Thema Inklusion finden Sie unter dem Titel Inklusion : Den Horizont erweiten“ in unserer Zeitschrift I&M 1/2013 in unserem  Internetshop und auf der religionspädagogischen Internet-Plattform rpp-katholisch.de.

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2 Gedanken zu “Inklusion im Gymnasium

  1. Wiesoschöneinfach
    Inklusion und/oder Integration – das mag heute ein Hype sein in der bildungpolitischen Diskussion, die Sache selbst aber gehört zur üblichen pädagogischen Praxis seit langem.
    Zuweilen hat man den Eindruck, dass wir in Deutchland Weltmeister sind in Systemdiskussionen und die Bldungspolitik vermutlich das letzte größere Feld für Ideologiedebatten geblieben ist. Als Schulpraktiker, der zudem über Jahrzehnte auch Funktionen im bildungspolitischen Bereich ausübte, habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch nur kleine Systemänderungen sehr viel Kraft erfordern, im Ergebnis häufig eher marginal sind und den Aufwand nicht lohnen, den man besser in eine größere Ressourcenausstattung für Felxibilisierungen vor Ort geben würde.
    Bei größeren Systemveränderungen bin ich noch skeptischer. Aus demographischen, nicht aus pädagogischen Gründen werden wir schulisch auf eine Zweigliedrigkeit im Bereich S1 hinauslaufen, zeitversetzt je nach Standort. Das ist wohl unvermeidlich.
    Hinter dem Artikel über Inklusion steht tatsächlich eine grundsätzliche Systemdiskussion, die dann auch auf der Ebene zu erörtern ist.
    Wer von seinen Voraussetzungen die in Noten definierbaren Kernkompetenzen eines Schularten- abschlusses nicht erreichen kann, ist an einem solchen Schultyp falsch. Soziale Kompetenzen werden an allen Schularten vermittelt, wer dort massive Probleme hat, wird zumindest am Gymnasium nach einiger Zeit auch Leistungsprobleme bekommen und/oder mit § 90, SchG, in Konflikt geraten.
    Als vorübergehende Hilfen gibt es verschiedenste Foirmen des sog. Nachteilsausgleichs. Was ein – in solchen Fragen nicht selten nur mäßig im Detail informierter Wissenschaftler nicht kennt: Diese Hilfen sind in aller Regel zeitlich begrenzt. LRS-Ausgleiche etwa gelten nicht für das schriftliche Abitur. Auch können Noten zeitweise ausgesetzt werden, um Schülern aus anderen Kulturen oder Schulsystemen den Übergang zu erleichtern. Man kann auch Kompetenzen zum Teil substituieren, etwa eine 2. Fremdsprache durch eine andere 2. Fremdsprache mit Fremden- prüfung ersetzen. Es gibt auch eine Reihe von technischen Hilfen oder Zeitausgleich, um bei schriftlichen Arbeiten Erschwernisse auszugleichen. Sport spielt eine Sonderrolle. Mit einem Attest kann auf dieses Fach verzichtet werden, In der Kursstufe ist dafür ein anderes Fach zusätzlich zu wählen.
    Man sieht an dieser Palette, dass das Grunderfordernis, die intellektuellen und anderen Bildungsziele erreichen zu können, bleibt und alle Hilfen diesem Ziel dienen. Auch lassen sich nicht intellektuelle und andere Bildungsziele gegenseitig substituieren. Ich kann nicht mit angemessenem Sozialverhalten fachliche Leistungen ersetzen, und es kann auch kein Schüler an einem Gymnasium verbleiben, wenn er permanent gewalttätig ist.
    In der Praxis kann die Flexibilisierung vor Ort viel erreichen. Im Laufe meiner pädagogischen Arbeit an der Schule machten Schüler das Abitur, die teils bis zu 3 Jahren Fachnoten ausgesetzt bekamen, um sichj in die neue schulische und kulturelle Umgebung einzugewöhnen. Es wurden Sponsorengelder, in Grenzen auch Deputatsstunden eingesetzt, um Unterstützung zu leisten, viele Lehrer und Schüler und Eltern haben sich enorm ehrenamtlich engagiert.
    In Sondersituationen, etwa bei Asylbewerbern wurden auch Kinder aufgenommen, die so vor größter Gefährdung gesicherter waren, wohlwissend, dass dies nur vorübergehend war, bis die Odyssee der Familie sie an einen anderen Ort führte.
    Viele sehr schwierige Schulbiografien, die ihre ursächliche soziale Belastung nicht in der Schule hatten, konnten „einvernehmlich“ gestützt werden durch Aufnahme in Pflegefamilien, denn die tatsächlichen Handlungsoptionen der Jugendämter sind kleiner als der gesetzliche Rahmen es suggeriert. Wenn es gelang, bei Erziehungsberechtigten, die in Wirklichkeit nicht garantierten, dass das Kind regelmäßig zu essen bekam oder notwendige Medikamente, die Zustimmung zu
    erwirken, dass ihr Kind vorübergehend in einer anderen Familie untergebracht wird, war im Einzelfall schon viel erreicht.
    Ich bin überzeugt, dass wir mit Flexibilität vor Ort die Zahl der Schüler, die heute keinen Schul- abschluss schaffen, auch die Zahl der Schüler, die sich heute an sog. Förderschulen befinden, deutlich senken könnten, aber keineswegs auf 0.
    Ich hatte vielfach Gelegenheit, Förderschulen zu besuchen. Was dort etwa für Kinder mit schweren Mehrfachbehinderungen geleistet wird, ist vorbildlich, darum beneiden uns viele Länder der Welt. Auch was an diesen Schulen getan wird, um in die Regelschulen zu führen, ist wohl nur dort so professionell zu erreichen: Etwa das Lernen des Lippenlesens in Stegen, das später die Zeichsprache bei Kindern mit Hörschädigung weitgehend erübrigt, oder die Verwendung technischer Hilfsmittel für Sehbehinderte, dass sie sich später in der Regelschule zurechtfinden. Oder Arbeit in Kleinstgruppen in Sprachheilschulen. Das gilt auch im Verhaltensbereich, obwohl gerade hier die Dinge besonders diffizil sind, weil nicht selten, s.o., die Ursachen außérhalb der Schule liegen und als Belastung bleiben, auch wenn die Schulform gewechselt wird.
    Nicht selten übrigens entwickeln Schüler in den Förderschulen eine positive emotionale Bindung und wollen, auch wenn sie es vermutlich könnten, gar nicht in die Regelschule.
    In der Pädagogik sind Ideologen wie flotte Äußerungen von sog Gutmenschen in der Praxis wenig hilfreich, auch manche eher akademisch-steril anmutende Begriffsdiskussionen über Integration oder Inklusion. Wenn eine Schule sich der Kinder, die von ihren Voraussetzungen insgesamt grundsätzlich die Chance haben, die Schullaufbahn erfolgreich zu bestehen, das verstehe ich unter Beachtung des Kindeswohls, annimmt und das Kind bestmöglich fördert, wird getan, was notwendig und möglich ist.

  2. Hier spricht jemand aus der Praxis. Hut ab vor den Leistungen dieses Pädagogen! Herausragende Beispiele für Integration finden sich eben in allen Schularten, auch im Gymnasium. Das ist gut und wird hoffentlich auch so bleiben.
    Allerdings ist mit Inklusion nicht gemeint, dass ein Schüler/eine Schülerin so „hingebogen“ wird, dass er/sie am Ende der Schullaufbahn den an dieser Schule üblichen Schulabschluss erlangt, sondern: Inklusives Unterrichten ist immer zieldifferentes Unterrichten. Und zieldifferentes Unterrichten erfordert in erster Linie Team-Teaching, kleine Klassen und genügend Zeit. Diese drei Voraussetzungen für inklusiven Unterricht würden unbestritten allen Schülerinnen und Schülern gut tun, nicht nur denen mit sonderpädagogischem Förderbedarf.
    Schauen wir nach Finnland, das ja seit Pisa als Leuchte in der Bildungslandschaft gilt und auch in puncto Inklusion gerne als Vorbild angeführt wird, dann sehen wir, dass dort genau diese Voraussetzungen gegeben sind: Zum Klassen-Team gehören neben Sonderschullehrern auch Sozialpädagogen, Psychologen, Schulkrankenschwestern und Beratungslehrer. Der Förderunterricht spielt in Finnland eine große Rolle. Er findet auf drei Stufen statt: zunächst als Unterstützung (durch Klassenlehrer und Sonderpädagogen) im normalen Unterricht. Wenn diese Unterstützung nicht ausreicht, wird alleine oder in kleinen Gruppen für eine gewisse Zeit außerhalb des Klassenverbands gelernt. Kann auch in diesem Förderunterricht der Stoff nicht bewältigt werden, erstellt man für den betreffenden Schüler im jeweiligen Fach ein eigenes Curriculum. So kommt es, dass bis zum Ende der neunten Klasse jeder zweite Finne einmal Förderunterricht hatte. (Nachzulesen bei: http://www.zeit.de/2013/41/finnland-abschaffung-sonderschulen).
    Übrigens gehen in Finnland alle Kinder bis einschließlich Klasse neun in dieselbe Schule, es gibt dort nach der vierten Klasse keine Separierung in verschiedene Schularten. Der Erfolg des finnischen Schulsystems lässt sich sicherlich auch dadurch erklären, dass die leistungsstarken Schüler, die hierzulande nach Klasse vier ins Gymnasium wechseln, in Finnland nicht aus der übrigen Schülerschaft ausgesondert werden.
    Ein schönes Beispiel, wie gemeinsames Lernen von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Gymnasiasten gelingen kann, ist die Kooperation des Anne-Frank-Gymnasiums in Rheinau mit der Oberlin-Schule in Kork, nachzulesen in der Zeitschrift „I&M. Inklusion – Den Horizont erweitern“ (S. 66 – 72).

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