Sinnhorizonte christlich gestalteter Schule

Kristina Roth: Sinnhorizonte christlich gestalteter Schule : Eine schulpädagogische Begründung der Schulpastoral an staatlichen Schulen, Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2013, 347 Seiten,

Die Autorin, Lehrerin und langjährige Referentin für Schulpastoral im Bistum Augsburg, legt mit diesem Buch ihre Dissertation vor, welche aufgrund der außergewöhnlich gründlichen Reflexionen und der klar erkennbaren Verortung in der Praxis im Folgenden ausführlich besprochen werden soll.

K. Roth lässt sich vom Prinzip leiten, Schulpastoral aus der Perspektive der Schulpädagogik zu beleuchten (vgl. S. 9 und 15). Dabei geht sie in sechs Arbeitsschritten vor: Mit der Frage, ob Schule Religion braucht (Kap. 1), umreißt sie theologische Begründungen von Religion und Religiosität. Religionsunterricht (Kap. 2) und Schulpastoral (Kap. 3) als etablierter bzw. neuerer Ort für eine Auseinandersetzung mit Religion bzw. Religiosität werden v.a. in rechtlicher und geschichtlicher Hinsicht vorgestellt. Darauf folgt die „Schultheoretische Fundierung für eine Auseinandersetzung mit Religion und Religiosität“ (Kap. 4) und aufgrund dessen die Verortung der Schulpastoral im Raum der Schule (Kap. 5). Hier illustrieren einige Praxisbeispiele mögliche Dienste der Schulpastoral. Wie Schulpastoral dazu beitragen kann, Schule zu einem Lebensraum werden zu lassen, lotet das letzte Kapitel (6) aus, das Theologie und Pädagogik zusammenführt.

Der Titel des ersten Kapitels ist spannend formuliert, lässt aber, da es um theologische Begründungen geht, die Antwort bereits erahnen. Kristina Roth beginnt mit einer Begriffsklärung von Religion und Religiosität und bezieht sich damit auf den Religionspädagogen Ulrich Hemel. Sein fünfgliedriges Modell von Religiosität wird zum Vergleichsmaßstab für alle im Folgenden vorgestellten Ansätze. Diese stammen aus der Forschung, aus der katholischen Bischofskonferenz, der EKD und aus empirischen Studien zwischen 2008 und 2010. K. Roth setzt sich konstruktiv-kritisch mit den vorgestellten Begründungslinien auseinander und gibt immer wieder erste schulpastorale Ausblicke. Das Kapitel zeigt einen hohen Grad von Reflexion an. Nachteilig ist zu bemerken, dass die Begriffe „Religiosität“ und „Spiritualität“ in ihrem Verhältnis zueinander nicht geklärt werden (vgl. S. 26 und 38f).

Ziel des zweiten Kapitels ist es, den schulischen Religionsunterricht so darzustellen, dass sein Profil sowohl in Abgrenzung zur Schulpastoral als auch in den Verbindungslinien mit ihr deutlich wird (S. 95). Die Autorin würdigt neben der deutschen Rechtslage kritisch die einschlägigen Papiere der deutschen Bischofskonferenz und schließlich den performativen Religionsunterricht. In diesem Durchgang bleiben Fragen des Profils bei allen Erklärungsversuchen offen, wie z.B. die nach der „pastoralen Qualität des Religionsunterrichts“ („Die bildende Kraft des Religionsunterrichts“ 1996; hier S. 106) oder nach den Grenzen des Ansatzes von Hans Mendl (S. 114–116). Was in diesem Kapitel sichtbar wird, ist noch keine klare Abgrenzung, sondern die schillernde Verhältnisbestimmung zwischen Religionsunterricht und Schulpastoral, die sich durch die Jahrzehnte ihrer Koexistenz zieht.

Auf den folgenden gut 70 Seiten gelingt K. Roth das Kunststück, alles Relevante zur Schulpastoral aufzuführen: Sowohl geschichtliche Meilensteine, rechtliche und pragmatische Grundlagen, als auch theologische Begründungen von schulpastoralem Tun werden von ihr dargestellt und kritisch kommentiert (vgl. S. 144 zur Abgrenzung zum Religionsunterricht). Mit diesem kritischen Blick hätten nun auch die Trägerinnen und Träger von Schulpastoral gesehen werden können: Sind dies zumeist die im Religionsunterricht Tätigen, so gibt es für sie nicht nur den Aspekt, wie weit sie im zusätzlichen schulpastoralen Ehrenamt belastet werden dürfen (vgl. S. 142f. 165), sondern auch das Problem, dass sich ihre Rolle zwischen Lehre und Seelsorge vermischt. Bereits in diesem Kapitel leistet K. Roth teilweise die notwendige Arbeit, Schulpastoral von schulpädagogischen Ansätzen her zu begründen (Kap. 3.2.5).

„Schulpastoral als ein Dienst der Kirche an und für die Menschen im Lebensraum Schule […] muss sich […] den Anfragen von Seiten des Staates als Träger des Bildungswesens stellen.“ (S. 183) Dieser Anforderung kommt K. Roth nach, indem sie zuerst die gesellschaftsrelevanten Funktionen von Schule nach H. Fend (1980/2006) profund auflistet und kritisch würdigt. Aufgrund rasant veränderter, bzw. ins allgemeine Bewusstsein gedrungener sozialer Bedingungen schließt sie eine gründliche Diskussion der Ganztagsschulen an und verfolgt anschließend folgerichtig die Frage, wie evangelische und katholische Kirche von ihren Konzepten her als mögliche Kooperationspartnerinnen in der Ganztagsschule gegenwärtig sein können. Diese Präsenz spielt sie nun nicht sofort pädagogisch durch, sondern lässt in einem Zwischenschritt vier Schulpädagoginnen und Schulpädagogen zu Wort kommen, deren Ansätze auch Religion und Bildung berücksichtigen. Von hier aus fragt sie schul- und religionspädagogisch nach der Rolle von Religion und Religiosität im Rahmen von Schulentwicklung.

Im fünften Kapitel kann die Autorin ihre Ernte einfahren und analog bzw. konträr zu den Funktionsbeschreibungen H. Fends rein pädagogisch bzw. schultheoretisch fünf „Dienste“ (ein bewusst gewählter Begriff) der Schulpastoral entfalten und begründen: zur Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung, für die Integration junger Menschen, zum Ausgleich der Selektion, zur überberuflichen Qualifizierung und bei der Auseinandersetzung und Bewältigung von Lebens-, Sinn- und Glaubensfragen. Je ein konkretes Beispiel illustriert den entsprechenden Dienst auf anschauliche Weise.

Hier noch nicht am Ende, verfolgt die Autorin im letzten Kapitel die Frage, inwiefern „es im pädagogischen Feld einen Begriff gibt, der dem Anliegen von Schulpastoral gerecht werden und an Prozessen der Schulentwicklung an staatlichen Schulen anknüpfen kann“ (vgl. S. 308). Der Begriff „Lebensraum“ zeigt sich hier als geeignet, da er sowohl im Kontext schulischer Profilierungen als auch von den deutschen Bischöfen verwendet wird. Ein Durchgang durch die (Nicht-)Verwendung des Begriffes in Psychologie, Theologie und Pädagogik liefert einige erhellende Aspekte, ehe K. Roth sechs Perspektiven von Schulpastoral nennen kann, die für die sozial-, religiös-, ästhetisch- und politisch-erzieherische Gestaltung von Schule relevant sind. Diese Perspektiven stammen entsprechend ihrem Ansatz nicht aus theologischer Reflexion und halten doch, ganz im christlichen Sinn, den Horizont offen, für die Menschen und gegen ihre Funktionalisierung einzutreten.

Mit zwei Gedankenanstößen beschließt die Autorin ihre Arbeit: Einerseits mahnt sie personelle und finanzielle Ressourcen an, was ein bekanntes und wichtiges Thema ist. Andererseits formuliert sie den interessanten Einwand, ob der Begriff „Schulpastoral“ wirklich geeignet ist, das wiederzugeben, was dieser Dienst auch pädagogisch an Schulen leistet (S. 328).
Insgesamt deckt diese Arbeit praktisch alle Themenfelder ab, die in der Begründung von Schulpastoral relevant sind. Dabei gelingt es der Autorin, Perspektiven zu eröffnen, die über den binnenkirchlichen Raum hinaus anschlussfähig sind. Ein sehr empfehlenswertes Buch für Alle, die sich näher mit einer praxisdurchtränkten Theorie der Schulpastoral befassen wollen.

Näheres zum Buch finden Sie beim Verlag Dr. Kovač hier>>

Dr. Jeremia Kraus

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