Ungläubiges Staunen

Navid Kermanis Buch über das Christentum ist ein Beleg dafür, dass und wie Religionen sich einander bereichernd begegnen können.

Spätestens seit diesen Tagen ist Navid Kermani auch für eine breite Öffentlichkeit kein Unbekannter mehr. Am 18. Oktober 2015 verlieh ihm der Börsenverein in der Paulskirche Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und seine Rede bewegte.

Kermani, der Islamwissenschaften, Philosophie und Theaterwissenschaft studierte, machte bereits 1999 mit seiner Dissertation „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“ in Fachkreisen auf sich aufmerksam. Für sein Werk und sein gesellschaftliches Engagement erhielt er im Laufe der Jahre etliche Auszeichnungen. Im August dieses Jahres nun erschien bei C. H. Beck sein jüngstes Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Es enthält in Teilen bereits vordem erschienene Aufsätze und Artikel für Zeitschriften und Zeitungen, was dem Buch aber keinen Abbruch tut. Im Gegenteil. In den zum Teil sehr kurzen Beiträgen (Bildansichten) zu den Kapiteln Mutter und Sohn (I), Zeugnis (II) und Anrufung (III) erleben Leserinnen und Leser eine wohl eher unerwartete, subjektive muslimische Annäherung an das Christentum. Keine, die sich in theologischen Diskursen verliert, sondern eine, die sich hineinbegibt in die pralle katholisch geprägte Bilderwelt christlichen Glaubens. Ausgehend von vierzig Bildern und Begriffen sucht er meditierend zu ergründen, was dieser Glaube beinhaltet, was er über Gott, Jesus Christus, Maria und Heilige und über Rituale zu sagen weiß.

Große und weniger große Namen nahezu ausschließlich vergangener Epochen sind dabei, offensichtlich frei gewählt nach Vorlieben des Autors, allen voran Caravaggio, aber auch Botticelli, El Greco, Leonardo da Vinci, Perugino und Veronese, Rembrandt, Lochner und Dürer, um nur einige zu nennen. Und Werke namenloser Meister wie das Mosaik im Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna oder die Darstellung der Ursula-Legende in Köln. Sie alle ermuntern den Autor zu erzählen, zu assoziieren und dabei Wesentlichem auf den Grund zu gehen, in einer ganz eigenen und intensiven Weise – staunend und unvoreingenommen, bisweilen auch provozierend. Das macht das Besondere dieses Buches aus. Offen und neugierig befragt Kermani die Bilder, will wissen, was sie zu sagen haben, was sie ihm zu sagen haben. Und gerade deshalb, so scheint es, nimmt er in ihnen Dinge wahr und benennt (zuweilen irritierend drastisch), was manch geübten christlichen Blicken längst nicht so ins Auge springt oder das sie geflissentlich übersehen, weil es nicht ins Bild passt – etwa am Christuskind aus Perugia von ca. 1320, das heute im Bode-Museum Berlin zu sehen ist. (Dieser hässliche Jesusknabe findet dann auch prompt einen Widerhall im für Kermani so unsympathischen Jesusknaben des Thomasevangeliums.)

Faszinierend auch sind seine subjektiven Beobachtungen und muslimischen Deutungen zu Botticellis (1445 –1510) undatierter Kreuztragung, heute in der Pinacothèque de Paris. Kermani ist ein ausgewiesener Kenner islamischer Mystik. Wer sonst würde in dem rotgewandeten Jüngling mit dem verloren sehnsuchtsvollen Blick und leichtem Flaum um die Oberlippe, der eher tänzelnden Schrittes als leidend sein Kreuz trägt, einen Anklang an den Roten Tänzer der Sufi in Pakistan sehen, den „König der Schönheit“, und so den Blick auf eine theologische Verbindung von Christentum und Sufismus in der Gestalt des liebenden Jesus freigeben?

Allerdings bleiben Kermanis grundsätzliche Ressentiments gegenüber dem Kreuz, gegenüber Passion und Opfertheologie bestehen, daran ändern auch die Bilder nichts; gleichwohl verhelfen sie ihm zu einem tieferen Verständnis.

Und ein weiteres scheint bemerkenswert: Die Zeugnisse von Märtyrern und Heiligen treten nicht allein ihrem jeweiligen Umfang nach deutlich zurück gegenüber seiner beeindruckenden Reportage über den vom selbsternannten „Islamischen Staat“ 2013 verschleppten und seither verschollenen Pater Paolo dall‘Oglio des Klosters Mar Musa in Syrien. Nicht Ästhetizismus, sondern Menschen sind es am Ende, die ihn überzeugen. Christinnen und Christen, die sich der Nachfolge Jesu verschrieben haben, Mönche und Nonnen, die den Nächsten lieben – ohne Unterschied, egal ob Freund oder Feind. Keine andere Religion, auch nicht der Islam – so Kermani –, lehre dies in so klarer Weise.

Navid Kermani hat ein Buch geschrieben, das sich lohnt zu lesen. Im Dialog der Religionen könnte es zu einer nicht unwichtigen Wegmarke werden.

Dr. Maria Jakobs

Direktorin des Instituts für Religionspädagogik der Erzdiözese Freiburg

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