Ein Freund vom Himmel

Eggehorn, Ylva: Ein Freund vom Himmel. Kinderbibel mit Bildern von Tord Nygren. Stuttgart 2015, 232 S.

Die renommierte schwedische Autorin Ylva Eggehorn hat eine eindrucksvolle und kunstvoll illustrierte Kinderbibel verfasst, die auch als Weihnachtsgeschenk für Acht- bis Zwölfjährige empfohlen werden kann.

Die Kinderbibel ist in drei Teile gegliedert: Das erste Kapitel (S. 7–74) beginnt mit der Geburt Jesu, erzählt von seinen Diskussionen mit Schriftgelehrten als Zwölfjähriger im Tempel, der Taufe im Jordan, Jüngerberufungen, der Kindersegnung, Heilungsgeschichten und Gleichnissen. Bei letzteren beschränkt sich die Autorin auf die Parabeln vom Senfkorn, dem Sämann, der selbstwachsenden Saat, dem verlorenen Schaf, dem barmherzigen Vater und dem Schatz im Acker.

Der zweite Teil (S. 75–176) umfasst beinahe die Hälfte der Kinderbibel. Hier erzählt Ylva Eggehorn wichtige Geschichten aus dem Alten Testament nach, wobei sie den Schwerpunkt auf die Erzählungen des ersten biblischen Buches, Genesis, legt: Schöpfung und „Sündenfall“, die Rettung aus der großen Flut in Noachs Arche, der Turmbau zu Babel und die Familiengeschichten von Abraham, Sara und Hagar, Isaak und Rebekka sowie Jakob, Josef und seinen Brüdern werden ausführlich wiedergegeben. Auf die Lebensgeschichte von Mose, den Auszug Israels aus Ägypten und die Verkündung der Zehn Gebote folgt die Nacherzählung vom Aufstieg Davids zum König und, für eine Kinderbibel recht ungewöhnlich, eine Zusammenfassung des Buches Hiob. Mit Ylva Eggehorns Nacherzählung der Erlebnisse des zunächst zaudernden und später unerbittlichen Jona sowie einem abschließenden Text über die Bedeutung und Notwendigkeit der alttestamentlichen Propheten endet das zweite Kapitel.

Der dritte und letzten Teil (S.177–230) schlägt einen Bogen vom Palmsonntag über die Leidensgeschichte Jesu, Ostererzählungen, Christi Himmelfahrt und Pfingsten bis zum Wirken der Jüngerinnen und Apostel sowie der Taufe des römischen Hauptmanns Kornelius durch Simon Petrus.

Mit der ungewöhnlichen Anordnung der Kinderbibel möchte Eggehorn den engen Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament deutlich machen: Jesus selbst, seine Verwandten, Freundinnen und Freunde erzählen einander im zweiten Kapitel von jenen Begebenheiten, welche die Heilsgeschichte begründen und zugleich Sehnsucht auf das Kommen eines Messias‘ weckten, der die Menschen in einem tiefen, umfassenden Sinn befreit und erlöst: Direkt auf die Visionen vom Friedenskönig aus den Prophetenbüchern Jesaja und Sacharja folgt sinngemäß die Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem, mit welcher der dritte Teil der Kinderbibel beginnt.

Die Autorin findet beim Nacherzählen einen ganz eigenen Ton. Sehr überzeugend gelingt ihr dabei besonders die Wiedergabe der Dialoge, worauf sie neben einem für Kinder stets gut verständlichen Sprachstil auch immer wieder die Intensität der Gesprächsatmosphäre deutlich macht, gerade bei der Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (S. 52–58): „Er sah sie so an, dass sie fühlte: ‚Ich bin ein richtiger Mensch‘ “. (S. 57)

Erfreulich ist, dass im ersten Teile viele biblische Geschichten mit Kindern Platz gefunden haben, wodurch gute Identifikationsmöglichkeiten geschaffen werden.

Auch theologisch setzt Ylva Eggehorn bemerkenswerte Akzente, wobei sie bisweilen eigene Interpretationen biblischer Erzählungen wagt. So bezeichnet sie Gottes Gegenspieler als das Böse (Versuchung Jesu, S. 34–36, Hiobsgeschichte, S. 160–164), erklärt zum Sündenfall, dass Menschen lediglich verfrüht und in unlauterer Absicht vom Baum der Erkenntnis gegessen hätten (S. 81–84), vermittelt das sechste Gebot mit den Worten: „Du sollst die Liebe von zwei Menschen nicht zerstören“ (S. 148) und macht deutlich, dass Jesus hauptsächlich aus politischen Gründen zum Tod verurteilt worden ist (z.B. S. 185f.). Für Gespräche mit Kindern zur Theodizeefrage können vor allem einige Aussagen in der Nacherzählung der Hiobsgeschichte fruchtbar sein: „Es ist leicht, an [Gott] zu glauben, wenn man es gut hat“ (S. 160); „Gott bestraft mich nicht. (…) Gott weiß, dass ich nichts Falsches getan habe. Trotzdem kann er mir ein Unglück schicken. Aber ich werde nicht aufhören, an ihn zu glauben.“ (S. 162)

Die Autorin lässt beim Nacherzählen große Empathie erkennen, etwa im Zusammenhang mit der Verleugnung Jesu durch Petrus (S. 196f.) und seiner nachösterlichen Wiedereinsetzung ins Hirtenamt am See Gennesaret (S. 216f.). Zugleich gelingt es ihr aber auch, Diskretion zu wahren und sowohl Sentimentalität als auch Moralisierungen konsequent zu vermeiden. Gleiches gilt für die beeindruckend schönen Farbillustrationen von Tord Nygren, die auch als Einstieg in eine Lernsequenz oder zur Vertiefung von Unterrichtsinhalten geeignet sind.

Leider konnten aus Platzgründen viele interessante biblische Geschichten, gerade von bedeutsamen Frauen aus dem Alten Testament, keinen Eingang in die Kinderbibel finden. Andere zentrale Persönlichkeiten, wie Jakob oder Paulus, werden nur am Rande erwähnt. Auch sind freien Interpretationen mancher Textstellen mitunter fragwürdig; so etwa wird das Verhältnis Jesu zu Pharisäern und Schriftgelehrten fast ausschließlich als angespannt und gegnerisch dargestellt. Dennoch ist Ylva Eggehorn vor allem eines überzeugend gelungen: die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes bzw. Jesu Christi als sein entscheidendes Wesensmerkmal hervorzuheben, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Zwei Aussagen mögen dies besonders deutlich belegen: „Alle, die danach Sehnsucht haben, sind in dem Reich Gottes willkommen“ (S. 63) und: „Ich will nicht, dass Menschen sterben müssen, sondern, dass sie sich ändern“ (S. 172).

Für den Religionsunterricht in den Klassenstufen 3 bis 6 kann Ylva Eggehorns Kinderbibel darum nahezu uneingeschränkt empfohlen werden.

Die Kinderbibel kann in der Mediathek Freiburg und den meisten der 16 Religionspädagogischen Medienstellen des Erzbistums Freiburg ausgeliehen werden.

Weitere Informationen finden sich hier.

Josef Gottschlich

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