Impulse für eine kompetenzorientierte Didaktik der Systematischen Theologie

René Dausner, Julia Enxing (Hg.): Impulse für eine kompetenzorientierte Didaktik der Systematischen Theologie. Berlin 2014, 156 S., ISBN 978-3-643-12479-1
Das Ziel dieser von René Dausner und Julia Enxing herausgegebenen Publikation ist die Anwendung kompetenzorientierter Didaktik auf die Systematische Theologie. Dies entspricht einem zentralen Anliegen der Studienreform von 1999. In der Reihe „Theologie und Hochschuldidaktik“ des LIT-Verlages ging bereits ein Band voraus, der exemplarisch kompetenzorientierte Praxis in verschiedenen theologischen Disziplinen beleuchtet, ein Band zur Kirchengeschichte ist angekündigt.
Im Vorwort stellen die Herausgebenden die Vermutung auf, dass die didaktische Umorientierung auch Konsequenzen für die Theologie selbst habe. Diese These bleibt kritisch zu hinterfragen.
Die sechs Beiträge haben eine ähnliche Struktur: exemplarisch werden drei über das Semester verteilte Sitzungen und ihre didaktische Zielsetzung dargestellt. Den Abschluss bildet eine Reflexion, die auch Prüfungsaspekte beinhaltet.
Der Beitrag von Britta Baumert „Schöpfungstheologie didaktisch reflektieren“ nimmt bewusst die Lehramtsstudierenden in den Blick. Sie sollen lernen, systematisch-theologische Inhalte, die für sie didaktisch aufbereitet wurden, für ihre Schülerinnen und Schülern zu didaktisieren. Trotzdem plädiert die Autorin dafür, abstrakt theologische Inhalte im Studium beizubehalten. Als Learning Outcome des Seminars formuliert Britta Baumert, dass die Studierenden Unterrichtsmaterial zum Thema „Schöpfung“ auf seine Eignung prüfen sollen und dabei die Fachwissenschaft, die fachdidaktischen Modelle der Elementarisierung und Korrelation und die Entwicklungsstufen der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen sollen. Die Skizze auf S. 9 verdeutlicht dieses Anliegen sehr treffend. Für die Durchführung eines solchen Seminars werden Materialien und Arbeitsschritte konkret und ausführlich benannt. Dass bei der Reflexion deutlich wird, dass die Studierenden zum Teil den fachwissenschaftlichen Anforderungen nicht gerecht werden, hat seine Ursache bereits in der Anlage der ersten Sitzungen, die die Grundlagentexte nur arbeitsteilig erarbeiten und präsentieren lassen. Die Zusammenfassung eines Textes durch Kommilitoninnen und Kommilitonen kann nicht dasselbe theologische Niveau haben wie die Originaltexte.
Die Mitherausgeberin Julia Enxing hat den zweiten Beitrag verfasst: „Zentrale Themen der Gott-Welt-Beziehung – ein fundamentaltheologischer Grundlegungsversuch“. Sie beginnt mit einer Reflexion ihres theologiedidaktischen Standorts, der unter anderem eine prägnante Erklärung der Fundamentaltheologie und einen Verweis auf deren besondere Chancen enthält. Ohne neue Überschrift beginnen die Überlegungen zur Lehrveranstaltung. Die hierbei genannte Anknüpfungsmöglichkeit an persönliche Leiderfahrungen der Studierenden (S. 25), die in dieser Form in den ausgeführten Seminarsitzungen nicht ausgeführt wird, ist sehr problematisch, da Studierende genau wie Schülerinnen und Schüler das Recht haben müssen, selber entscheiden zu dürfen, wie viel Persönliches sie in Seminarsitzungen bzw. im Unterricht einbringen möchten.
Als zentrales Anliegen nennt die Autorin das eigenverantwortliche Lernen der Studierenden, die dazu motiviert werden sollen, auch außerhalb der Lehrveranstaltungen über theologische Fragen zu kommunizieren. Der Gesamtüberblick über die Seminarveranstaltung lässt trotz detaillierter Reflexion über Begrifflichkeiten und Grundsätze einige Fragen offen: Wie sollen die Studierenden die genannten Texte zum Thema Kirche in 20 Minuten lesen, verstehen und bearbeiten? (S. 42f.) Müssen die Eingangsfragen zum Thema Kirche wirklich so flach sein? (S. 43: „Wer ist Kirche?“ „Bin ich Kirche?“ „Sind meine Freund_innen Kirche?“) Und wie kann das Dogma von Chalcedon dermaßen falsch erklärt werden? (S. 45: „Jesus Christus in seiner unvermischt-ungetrennten Einheit … mit Gott-Vater“) Ist das eine Folge der Überbetonung der Didaktik gegenüber dem Inhalt?
Der andere Herausgeber René Dausner widmet sich der Christologie: „Jesus Christus und die Gottesherrschaft“ : Eine kompetenzorientierte Erschließung der Christologie“. Er betont die zentrale Bedeutung der Christologie innerhalb der Theologie und zitiert als Beleg Gerhard Ebeling, dessen Zitat allerdings nicht zu dieser Deutung passt, und erläutert, welches Ziel der Kompetenzerwerb innerhalb des Studiums nach der Bologna-Reform haben soll: die Vorbereitung auf eigenständiges
Theologisieren im Berufsleben (S. 59). Im Verständnis der Christologie sollen Grundlagen der theologischen Anthropologie mitgegeben werden. Zugleich soll die Christologie als Schlüssel zum interreligiösen Gespräch dienen. Dass die kompetenzorientierte Lehre das studierende Subjekt in die Theologie einbezieht, begründet René Dausner nicht nur aus didaktischer Perspektive, sondern auch theologisch unter Berufung auf Karl Rahner und Walter Kasper (S. 60f.). Die Christologie wird in ihren Zusammenhängen mit den verschiedenen theologischen Disziplinen aufgezeigt. René Dausner beruft sich dabei auf den italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der das messianische Bewusstsein betont (S. 63). Durch das messianische Verständnis der Christologie liegt auch der Bezug zum Judentum auf der Hand. Studierende sollen „Dialog-, Argumentations- und Urteilskompetenz“ (S. 65) einüben. Die graphischen Umsetzungen der curricularen Vorgaben (S. 62) wie auch des Learning Outcome (S. 66) sind überzeugend.
Für die drei vorgestellten Seminarsitzung verwendet René Dausner eine einheitliche Systematik: „Hochschuldidaktische Vorüberlegung“, „Systematisch-theologische Problemstellung“ und „Kompetenzumschreibung“. Die Darstellung erlaubt einen Einblick in die anspruchsvolle und stringent konzipierte Lehrveranstaltung.
Florian Bruckmann beginnt seinen Beitrag „Kirche unterschiedlich leben, ausdrücken und verstehen“ mit einem kurzen Blitzlicht auf die Kirche seit Franziskus I., der als erster nicht-europäischer Papst seit der Antike „offen für eine arme Kirche für arme Leute plädiert“ (S. 91). Die Studierenden sollen in seinem Seminar Grundlagen der Ekklesiologie kennen lernen und in die Lage versetzt werden, „(groß)kirchliche Ereignisse in die Rezeption der beiden letzten Konzilien einzuordnen und dazu begründet Stellung zu nehmen“ (S. 92). Detailliert wird die erste Seminarsitzung mit Partnerinterviews und Fragen nach intrinsischer und extrinsischer Motivation dargestellt. Bezogen auf das Seminar werden Hoffnungen, Erwartungen und Selbstverpflichtungen schriftlich fixiert und dann auf die Kirche übertragen. Dieser Zugang wäre eventuell auch für die gymnasiale Kursstufe denkbar. Der weitere Seminarverlauf lässt sich aufgrund dieses Beitrages sehr gut nachvollziehen. Die Methoden sind durchdacht, die Texte methodisch aufbereitet, besonders hervorheben möchte ich die Literaturangaben für mögliche Rezeptionen der beiden letzten Konzilien. In seiner Bilanz macht Florian Bruckmann bewusst, wie sehr eine solche Methodik auf die Bereitschaft der Seminarteilnehmenden zur Selbstverantwortung angewiesen ist.
Denis Schmelter ist der Autor des Beitrags „Eschatologische Themen in den Weltreligionen und Weltanschauungen : Hochschuldidaktische Reflexion eines fundamentaltheologischen Seminars“. Er reflektiert ausführlich die Kompetenzen, die das Learning Outcome des Seminars bilden. Die Darstellungen der drei exemplarischen Seminarsitzungen beginnen jeweils mit einer systematisch-theologische Grundlegung. Dann folgen die Lernziele und als drittes Unterkapitel Methoden und Materialien. Zur ersten Sitzung unter der Überschrift „Sinn und Unsinn eschatologischer Vorstellungen in der New-Age-Esoterik“ erläutert Denis Schmelter, warum radikalsubjektivistischer Konstruktivismus, wie er in der New-Age-Esoterik häufig anzutreffen sei, den Voraussetzungen eines sinnvollen Diskurses widerspreche. Außerdem führt er die „Unverträglichkeiten der New-Age-Esoterik mit der christlich-eschatologischen Wirklichkeitsauffassung“ aus. Die Seminarsitzungen sind methodisch und theologisch durchdacht. Trotzdem bleibt das Unbehagen zurück, inwiefern die Positionen der genannten „Gegner“ – Konstruktivismus und Reinkarnationslehre – überhaupt ernst genommen werden.

Oliver Reis, der zu den Ansprechpartnern des Netzwerkes „Theologie und Hochschuldidaktik“ gehört und auch an vorangegangenen Veröffentlichungen der gleichnamigen Reihe beteiligt war, ist Autor des letzten Beitrages: „Rekonstruktion Systematischer Theologiebildung am Beispiel der Trinitätslehre“. Die Studierenden sollen anhand der historischen Entwicklung der Trinitätslehre die „Verschränkung von biblischen Erkenntnissen, traditionellen Argumenten und kontextueller Problemlösung“ (S. 137) die Methodik der Systematischen Theologie erklären und anwenden können. Diese Anwendungskompetenz bezieht sich auf heutige Herausforderungen des Glaubens und ist damit auch ein kreativer Akt (S. 138). Die „Bestimmung des Learning-Outcomes“ macht
deutlich, wie souverän Oliver Reis in der Sprache der kompetenzorientierten Didaktik beheimatet ist und – anders lässt es sich kaum ausdrücken – wie kompetent er sie anwendet. Neben der Gesamtplanung des Seminars wird in diesem Beitrag nur eine Seminarsitzung ausführlich dargestellt, die zum Hirten des Hermas, von dem auch ein Textauszug abgedruckt ist (S. 147f). Besonders faszinierend ist die Ergebnissicherung mit Hilfe von fünf Stühlen, die von einem sechsten Stuhl aus, dem „Arbeitsplatz einer Systematischen Theologien, eines Systematischen Theologen“ als Perspektiven genutzt werden, die bei der Theologiebildung berücksichtigt werden (S. 150f.).
Ich wünsche den Hochschulen Studierende, die sich der Herausforderung solcher Lehrveranstaltungen stellen. Dann werden sie mit ihren erworbenen Kompetenzen im Berufsleben erfolgreich sein.

Dr. Sabine Mirbach
Referat Gymnasium
Institut für Religionspädagogik Freiburg

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