Schöpfung – eine Vision von Gerechtigkeit

Benk, Andreas: Schöpfung – eine Vision von Gerechtigkeit. Was niemals war, doch möglich ist. Ostfildern 2016, 320 S.

In seiner neuen Publikation zeigt Andreas Benk enge, bislang kaum wahrgenommene Zusammenhänge zwischen Schöpfungs- und Befreiungstheologie auf. Hierdurch wird deutlich, dass Ökonomie, Politik, Sozialethik und Pädagogik wichtigere und entscheidendere Bezugspunkte mit den ersten drei Kapiteln des Buches Genesis aufweisen als die Naturwissenschaften – woraus beträchtliche religionspädagogische Konsequenzen zu ziehen sind.

Sehr hilfreich ist zunächst die gut verständlich geschriebene Einführung (S. 15–26), in welcher der Autor, Physiker und Professor für Theologie/Religionspädagogik, die Intention und Zielrichtung seines Buches zusammenfasst sowie in einer Übersicht die wichtigsten Themen der acht Kapitel kurz umreißt.

Als Thema des ersten Kapitels fungiert die traditionelle Schöpfungstheologie, besonders deren Defizite. Indem diese häufig jede Art von hierarchischer und gesellschaftspolitischer Ordnung legitimierte, habe sich eine problematische Ideologieanfälligkeit gezeigt (S. 20). Zudem würden aus ihr oft noch immer lediglich unerhebliche, naive und harmonisierende Konsequenzen gezogen (S. 38): Selbstwertgefühl und Verantwortungsübernahme ohne die Ausprägung eines auch, vielleicht sogar vorwiegend kritischen Bewusstseins mit entsprechenden Konsequenzen für die eigene Lebenspraxis. Des Weiteren hätten Kinder und Jugendliche im Religionsunterricht zunehmend  Schwierigkeiten, Vereinbarkeiten zwischen Schöpfungstheologie und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen (Astrophysik und Evolutionsbiologie) zu erkennen und zu akzeptieren.

Im zweiten Kapitel stellt der Autor heraus, dass bis zur Neuzeit naturwissenschaftliches Weltwissen und Schöpfungsglaube gut miteinander in Einklang  gebracht werden konnten: In Bezug auf Geozentrismus, Anthropozentrismus, räumliche Strukturierung, Anschaulichkeit und Stabilität (die Erde als ruhender Planet) habe weitgehende Übereinstimmung geherrscht (S. 81). Allerdings konnte eine so verstandene Schöpfungstheologie keine Antwort auf die Theodizee-Frage vermitteln: Verantwortlich für Unglück und Leid war allein der Mensch; von menschlicher Schuld unabhängige Defizite im Schöpfungswerk wurden nicht offengelegt.

Der dritte Abschnitt  des Buches berichtet zunächst von den bahnbrechenden Erkenntnissen der klassischen Physik im 16. und 17. Jahrhundert: Kopernikus, Kepler, Bruno und Galilei begründeten unter anderem das heliozentrische Weltbild und erkannten die Unermesslichkeit des Weltalls. Somit war es für den Menschen nun deutlich schwieriger, sich länger als Ziel oder gar Krone der Schöpfung zu verstehen (S. 92). Vielmehr führe ihm seither das Wissen um seine „totale Verlorenheit und Fremdheit“ im All (S. 94) deutlich vor Augen, dass aus der kosmischen Vergangenheit keine Hoffnung geschöpft werden könne (S. 101). Diese Skepsis wurde, so Andreas Benk, im 20. Jahrhundert durch Relativitätstheorie und Quantenphysik noch weiter verschärft: Das Überschreiten der euklidischen (dreidimensionalen) Geometrie habe die generelle Unanschaulichkeit der physikalischen Wirklichkeit deutlich gemacht (S. 102). Aussagen über erfahrbare Wirklichkeit waren somit nicht mehr möglich (S. 123); prinzipielle Grenzen menschlicher Erkenntnis ließen sich nicht länger leugnen (S. 104). Benk erinnert in diesem Zusammenhang auch daran, mit welcher Schärfe diese physikalischen Welterklärungsmodelle von kirchlicher (neuscholastischer) Seite aus im Zuge ihrer Antimodernismus-Debatte bekämpft wurden, bis das II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) die Grundlage für eine versöhnlichere und wertschätzendere Haltung schuf.

Im vierten Kapitel wird geschildert, wie Theologie und Naturwissenschaft seitdem Auswege aus ihrer Konfrontation suchten: durch gegenseitige Grenzziehung und Toleranz, aber auch mithilfe von Anknüpfungsversuchen (S. 116). Während sich die Theologie nun vor allem auf die Seelsorge beschränkte, überließ sie der Naturwissenschaft weitgehend die Untersuchung und Erklärung der Welt (S. 118). Andererseits zeigte sich eine Offenheit gerade der Quantenphysik für metaphysisch-religiöse Fragen – vor allem deswegen, weil ihre Erkenntnisse über Wahrscheinlichkeitsaussagen nicht hinauskommen.

Dennoch, so Benk, könne eindeutig festgestellt werden, dass die Naturwissenschaft nicht der erste und wichtigste Gesprächspartner sei, wenn es um das Verständnis von Schöpfung im eigentlichen Sinne gehe (S. 136). Hier sei ein theologisches und auch religionspädagogisches Umdenken dringend vonnöten (S. 141). Dies habe mit der häufig zu wenig bedachten Aussageabsicht der Verfasser von Gen 1–3 zu tun, denn es gehe in den biblischen Schöpfungserzählungen nicht um naturkundliche Feststellungen in Bezug auf die Entstehung der Welt, sondern um die Vision einer lebens- und menschenfreundlichen Erde als gemeinsamem Wohnort für alle Lebewesen (S. 166, 172).

Diese Grundthese  vertieft und entfaltet der Autor in den letzten drei Kapiteln seines Buches. Hierbei betont Benk zunächst ausdrücklich, dass die zentrale Gottesvorstellung des Alten Bundes JHWH nicht als Schöpfer, sondern als Befreier hervorhebe, als Erretter vor Unrecht, Erniedrigung und Hoffnungslosigkeit (S. 188).

Gerade die Erinnerung an die Befreiung ihrer Vorfahren aus der ägyptischen Knechtschaft und den Bundesschluss am Berg Sinai habe den ins babylonische Exil verschleppten Israeliten entscheidende Impulse zur Dichtung der Schöpfungserzählungen gegeben: der Glaube an einen überaus mächtigen und zudem einzigen Gott, der sein Volk mit starkem Arm abermals aus dem Chaos von Verbannung und Entrechtung herausführen könne (S. 194). So zeige sich Schöpfungstheologie primär als Hoffnungstheologie (S. 196). Auch trete Schöpfung in diesem Zusammenhang nicht als einmaliger Akt zutage, sondern als bis heute unabgeschlossener Prozess (S. 197).

Mit einer derart verstandenen Schöpfungstheologie sei auch die prophetische Tradition, insbesondere der oppositionellen Einzelpropheten (S. 199) eng verbunden. Benk verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf Amos, Micha, Ezechiel und das Buch Jesaja. All diese Mahner kritisierten mutig und beharrlich die Ausbeutung und Unterdrückung von Armen und Rechtlosen sowie das oft inhumane Sozialverhalten der Herrschenden mit unmissverständlicher Schärfe, verkündeten aber auch Visionen vom Ende der Gewalt (Jes 2,3 ff.) sowie vom Frieden (Jesaja 9 und 11) und deuteten sogar einen völkerverbindenden Heilsuniversalismus an (Jes 19 und 66). In der Zusammenschau mit solchen Visionen wird die innovative Kraft und Zukunftsbezogenheit von Schöpfungstheologie deutlich. Lebensfreundlicher Wohnraum für alle gemäß der Metapher des Gartens Eden ist auf der Erde jedoch vielerorts erst noch zu schaffen, gerade auch im gewaltfreien Widerstand gegen diejenigen, welche den Frieden zerstören und die Menschenwürde missachten, andere also nur als Mittel zum Zweck benutzen. Bekräftigt wird dieser Appell im Neuen Bund durch das Beispiel Jesu und seine ethischen Weisungen, etwa in der „Bergpredigt“ (Mt 5–7). Diese „Verkündung der Sozialordnung Gottes“ (S. 237) stehe als inspirierende und motivierende Leitidee (S. 264) mit dem Schöpfungsauftrag in Gen 1–2 in engstem Zusammenhang. Gültiger Maßstab, für Gläubige und Humanisten gleichermaßen, seien hierbei, quasi als „Hausordnung“, die universal gültigen Menschenrechte (S. 244).

Im letzten Kapitel benennt der Autor Konsequenzen aus dem vorher Gesagten. Zunächst ruft er, im Zuge eines experimentell-offenen Kirchenverständnisses, Christinnen und Christen zu einer „Ökumene“ mit allen Menschen guten Willens (S. 249) auf. Hierzu bedürfe es zunächst einer mitfühlenden Aufmerksamkeit für lebensfeindliche, unmenschliche Zustände und Strukturen (S. 255, 270). Vor allem aber sei tatkräftiger Einsatz zur Unterstützung von notleidenden und benachteiligten Menschen, etwa ausgebeuteten Kindern, Obdachlosen und Geflüchteten notwendig. Diese müsse über das bloße Kurieren von Symptomen hinausgehen und vor allem die Schaffung gerechterer Strukturen anstreben (vgl. S. 257–260). Darüber hinaus ermutigt Benk zur kritischen Überprüfung und Verbesserung des eigenen Lebensstils sowie zu einem Gesinnungswandel unter der Maxime antitotalitärer und globaler Solidarität: vom Teilen und Konsumverzicht bis hin zur Überwindung auch nationaler Partikularinteressen, dem Boykott bestimmter Produkte oder der Teilnahme an gewaltfreien Aktionen (S. 270–275). Die Erzielung eines am Gesamtinteresse ausgerichteten Solidaritätsbewusstseins sei auch Aufgabe eines Religionsunterrichts, wenn dieser einer Schöpfungstheologie im Sinne der Verfasser von Gen 1–3 wirklich gerecht werden will. Als Einstiegsimpuls hierzu rät Benk zu der Frage an Schülerinnen und Schüler: „Wie würde eine Welt aussehen, die ihr euch wünscht und erhofft?“ (S. 254) Darüber hinaus empfiehlt er, weitaus dringlicher als mit den Naturwissenschaften, die Kooperation mit den Fächern Gemeinschaftskunde, Politik, Wirtschaft und Ethik (S. 252). Zurecht ruft Benk schließlich die Erziehungswissenschaft dazu auf, ihr anthropologisches und weltpolitisches Defizits zu überwinden, denn diese gebe derzeit kaum Impulse im Hinblick auf globales Lernen, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit (S. 267 f.), erst recht nicht durch die inhaltliche Vorgabe eines verbindlichen, universalisierbaren Bildungszieles.

Andreas Benk nimmt in seinem Buch eine wichtige Kurskorrektur vor, indem er darauf hinweist, dass für Hermeneutik und Deutung von Gen 1–2 vor allem eines berücksichtigt werden müsse: die Berücksichtigung der durch historische und exegetische Forschung eindeutig offengelegte befreiungstheololgische Intention ihrer Autoren. Dies entzieht nicht nur einer kreationistisch-fundamentalistischen Auslegung der biblischen Schöpfungserzählungen die Grundlage, sondern zeigt auch deren appellativen Charakter, welcher mit dem Aufruf Jesu zur radikalen Nachfolge in engem Zusammenhang steht.

Dennoch weist Benks Ansatz auch Probleme auf: Die religiöse Frage Wo komme ich, kommen wir her? behält trotz seiner berechtigten Historismuskritik ihre Wichtigkeit und verlangt nach tragfähigen Antworten, auch im Religionsunterricht. Weiterhin geht der Autor – im radikalen Gegensatz etwa zu Magnus Striet – davon aus, dass Gott aktiv und rettend in das Weltgeschehen eingreife und hofft sogar auf eine „geschichtliche Erlösung diesseits der Todesgrenze“ (S. 239) – eine gewagt optimistische Annahme. Auch ist festzuhalten, dass nicht eine in jeder Hinsicht neue und bessere Welt geschaffen werden muss; zumindest Einzelne oder auch Organisationen, haben diesbezüglich bereits einiges erreicht und hilfreiche, ermutigende Maßstäbe gesetzt. Zudem mangelt es gegenwärtig an Möglichkeiten, widerständiges Handeln, das über Gegenargumente im Gespräch hinausgeht, adäquat zu erlernen: Kurse zur Vorbereitung einer Teilnahme an gewaltfreien Aktionen etwa finden sich im Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene, auch an Ganztagsschulen, derzeit kaum.

(Für Religionslehrerinnen und -lehrer finden sich diesbezüglich jedoch Fortbildungsangebote des Referats Schulpastoral zur Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg.)

Wichtig ist überdies, dass bei allem Engagement das Ideal einer friedlichen und gerechten Welt  durch Menschen höchstens annähernd erreicht werden kann und manches Leid, etwa infolge einer unheilbaren Krankheit oder eines tödlichen Unfalls, auch durch überzeugende  Solidarität nur unwesentlich zu lindern ist. Hier fehlen Verweise auf den eschatologischen Vorbehalt und die christliche Auferstehungshoffnung – beides scheint im theologischen Denken Andreas Benks eine nur untergeordnete Rolle zu spielen.

Dennoch ist sein Ansatz, gerade in Anknüpfung an überzeugende Wegbereiter wie Dietrich Bonhoeffer, Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz, Paolo Freire oder Dom Helder Camera, sehr zu begrüßen. Benk nimmt hierdurch den bislang vielleicht wichtigsten Einwand der Religionskritik, die Missbilligung eines primär passiv-abwartenden, heilsindividualistisch-unpolitischen Glaubens, erfreulich ernst und entkräftet ihn, indem er ausdrücklich unsere Mitverantwortung für eine gerechtere Zukunft betont, die auch Wagnis und Selbstgefährdung nicht ausschließt. In Bezug auf die Einübung und Umsetzung eines dieser Maßgabe entsprechenden Verhaltens und Handelns sind dem Religionsunterricht jedoch – leider – recht enge Grenzen gesetzt.

 Josef Gottschlich

 

Das Buch kann im Medienportal der Mediathek Freiburg und einigen der 16 Religionspädagogischen Medienstellen des Erzbistums Freiburg entliehen werden.

 

Weitere Informationen finden sich hier>>>.

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