Rosa, Hartmut: Resonanz : Eine Soziologie der Weltbeziehung.

Rosa, Hartmut: Resonanz : Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 2016. 815 S. ISBN 978-3-518-58626-6.

Hartmut Rosa hat mit seiner Resonanz-Theorie einen Nerv getroffen. Viele Themen, die Menschen heute bewegen, lassen sich unter dem Dach dieser Soziologie der Weltbeziehung unterbringen. Resonanz ist ein Begriff mit einem erstaunlich großen Anwendungsspektrum.

Der Soziologe Hartmut Rosa, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, hat den Begriff Resonanz, der ursprünglich aus der Physik stammt und dort wie in der Musikwissenschaft das Mitschwingen eines Körpers in der Schwingung eines anderen Körpers meint, aus der physikalisch-akustischen Fachsprache herausgeholt, die Grenzen der Disziplinen überbrückt und ihn für viele Phänomene fruchtbar gemacht. Der ursprüngliche Begriffskontext bleibt deutlich, etwa wenn er von ersten und zweiten Stimmgabeln spricht, die erste setzt etwas in Bewegung, die zweite reagiert darauf und verhält sich dazu. Beide Seiten des Resonanzphänomens sind – so Harmut Rosa – für gelingende Beziehungen notwendig.

Ob menschliches Leben glückt, hängt laut Hartmut Rosa davon ab, ob die Beziehungen des Menschen zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Welt resonant sind. Anderenfalls spricht er von Entfremdung, die Resonanzbeziehungen verstummen. In drei sprechenden Erzählungen, die verdeutlichen, wie unterschiedlich Menschen mit Herausforderungen umgehen (Gustav und Vincent), der Welt begegnen (Anna und Hannah) und sich die Welt aneignen (Adrian und Dorian), führt Rosa in seine Soziologie der Weltbeziehungen ein. Als Grundelemente menschlicher Weltbeziehungen (Teil 1) stellt er ausführlich verschiedene Aspekte körperlicher Weltbeziehungen dar, grenzt Weltaneignung und Welterfahrung voneinander ab, macht emotionale, evaluative und kognitive Weltbeziehungen bewusst und führt aus, wie er Resonanz und Entfremdung als Basiskategorien einer Weltbeziehungstheorie deutet.

Teil 2 thematisiert Resonanzsphären und Resonanzachsen. Er nennt horizontale, diagonale und vertikale Resonanzachsen. Spannend für Theologinnen und Theologen sind besonders die vertikalen Resonanzachsen, zu denen er die Verheißung der Religion, die Stimme der Natur, die Kraft der Kunst und den Mantel der Geschichte nennt. Bemerkenswert ist zum Beispiel, was Rosa zum Abendmahl schreibt: „Rituale stiften soziokulturell etablierte Resonanzachsen, entlang deren vertikale (zu Göttern, zum Kosmos, zur Zeit und zur Ewigkeit), horizontale (in der sozialen Gemeinschaft) und diagonale (auf die Dinge bezogene) Resonanzbeziehungen erfahrbar werden. Als Beispiel dafür mag das christliche Abendmahl (nicht zufällig als heilige Kommunion bezeichnet) dienen, dessen Dingbezug etwa Brot, Wein oder das Kreuz in den Resonanzkreis aufnimmt.“ (S. 297) Aus theologischer Perspektive wird hier keine neue Erkenntnis ausgeführt. Zu würdigen ist aber, dass Rosa als Soziologe religiöse Phänomene wahrnimmt und in seine Theorie, in der es ja um alle Formen der Weltbeziehungen gehen soll, zu integrieren sucht. Erfreulich auch, dass Rosa auch theologische Literatur in seine Überlegungen einbezieht, zu nennen sind beispielsweise Augustinus, Martin Buber und Karl Rahner.

Religion versteht Rosa „als die in Riten und Praktiken, in Liedern und Erzählungen, zum Teil auch in Bauwerken und Kunstwerken erfahrbar gemachte Idee, dass dieses Etwas ein Antwortendes, ein Entgegenkommendes – und ein Verstehendes ist. Gott ist dann im Grunde die Vorstellung einer antwortenden Welt. […] Religion wird in dieser Perspektive tatsächlich zur Beziehung (lateinisch: religare, rückbinden), […] und zwar zu einer spezifischen Form der Beziehung, welche in den Kategorien der Liebe und des Sinns die Gewähr dafür zu geben verspricht, dass die Ur- und Grundform des Daseins eine Resonanz- und keine Entfremdungsbeziehung ist.“ (S. 435) Dass es auch andere Definitionen von Religion gibt, ist Rosa durchaus bewusst. Er hat sich für diese entschieden – ohne in die religionswissenschaftliche Diskussion eingreifen zu wollen –, weil er zu erklären versucht, „auf welche Weise Religion und religiöse Sehnsucht im Leben (spät-)moderner Menschen eine Rolle spielen – und warum sie entgegen den modernisierungstheoretisch inspirierten Säkularisierungstheorien, welche die Soziologie viele Jahrzehnte lang vertreten hat, aus diesem Leben und aus der Gesellschaft offenbar nicht zu verschwinden gedenken.“ (S. 436) In diesem Verständnis von Religion liegt für ihn ihre Anschlussfähigkeit (S. 439). Religiöse Riten (S. 443), das Symbol des Kreuzes (S. 444) und das Weihnachtsfest (S. 444) deutet Rosa resonanztheoretisch. Diese Betonung vibrierender Beziehungen scheint Rosa näher am katholischen als am protestantischen Religionsverständnis (S. 445). Auf der anderen Seite findet er in Liedern von Paul Gerhardt Bestätigungen für sein Theologieverständnis (S. 445). Zentral ist folgende Aussage: „Als Kern der Religiosität lässt sich auf diese Weise mit Buber und Paul Gerhardt gleichermaßen die existentielle Antwortbedürftigkeit des Menschen auf der einen und das Versprechen ihrer potentiellen Erfüllung auf der anderen Seite identifizieren. In der christlichen Theologie zumindest kommt dann hinzu, dass auch das Wesen Gottes gleichsam als Beziehungswesen gedacht wird, was insbesondere in der Lehre von der Perichorese, der vollständigen wechselseitigen Durchdringung bei gleichzeitiger Bewahrung der Eigenständigkeit von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist, zum Ausdruck kommt, […] aber eben auch in der urchristlichen Vorstellung, dass Gott und menschliche Seele einander konstitutiv zugewandt sind.“ (S. 446)

Erstaunlich ist, wie viele theologische Themen sich resonanztheoretisch deuten lassen: „Dem entspricht, dass in der jüdisch-christlichen Tradition die Sünde als Zustand der Beziehungslosigkeit […] verstanden wird. […] In resonanztheoretischer Deutung wäre Sünde damit als Zustand der Resonanzlosigkeit oder vielmehr der Resonanzunwilligkeit zu verstehen, in dem ein Subjekt keine Stimme außer der eigenen zu hören bereit, willens und fähig ist.“ (S. 447) „Allerdings kommt es letztlich sowohl für Luther als auch für die monotheistischen Weltreligionen insgesamt nicht so sehr darauf an, jene andere Stimme wirklich zu hören, als vielmehr darauf, resonanzoffen zu sein, das heißt nach ihr zu verlangen – Religion erscheint dann als das Versprechen, dass die Welt oder das Universum oder Gott auch dann zu uns spricht (oder singt), wenn wir sie nicht zu hören vermögen, wenn uns alle Resonanzachsen verstummt sind“ (S. 447). Zum Beleg dieser These zitiert Rosa das neue geistliche Lied von Jürgen Henkys „Stimme, die Stein zerbricht“ (S. 447f.), das auch ins neue Gotteslob aufgenommen wurde.

Wenn Rosa resonanztheoretisch die Rolle der Religion thematisiert, muss er sich redlicherweise auch der Religionskritik widmen. Bei Nietzsche, Camus und Sartre findet er Hinweise darauf, dass des Menschen Sehnsucht nach vertikaler Resonanz ihrer Ansicht nach ins Leere läuft (S. 448–451). Eines Urteils enthält er sich (S. 450f.).

Das Kapitel über die Verheißung der Religion endet mit einem Abschnitt über Gewalt im Namen der Religion, die Rosa als Versuch deutet, das Unverfügbare verfügbar zu machen (S. 451f.).

Teil 3 des umfangreichen Buches steht unter dem Titel Die Angst vor dem Verstummen der Welt: Eine resonanztheoretische Rekonstruktion der Moderne. Die Moderne, gekennzeichnet durch Beschleunigung (S. 518) und Weltreichweitenvergrößerung (S. 521) deutet er auf der einen Seite als Geschichte einer Resonanzkatastrophe. Andererseits nimmt er eine gesteigerte Resonanzsensibilität wahr. Die Menschen spüren eine Grundangst vor Entfremdung bezüglich aller Resonanzachsen (S. 521f.).

Unter der Überschrift Eine kritische Theorie der Weltbeziehung geht es in Teil 4 darum, „die Resonanzmöglichkeiten und –grenzen der spätmodernen Welt auszuloten.“ (S. 633) Dass er mit dieser Theorie nicht nur auf Zustimmung gestoßen ist, greift Rosa im Abschlusskapitel auf: Anstelle eines Schlussworts: Verteidigung der Resonanztheorie gegen ihre Kritiker – und des Optimismus gegen die Skeptiker. Dass viele Aspekte, die das Buch streift, noch näher zu betrachten wären, ist Rosa bewusst (S. 754). Bei der Übertragung in andere Fachdisziplinen ist es zwangsläufig zu Unschärfen gekommen. Trotzdem ist das Denkmodell dieser Soziologie der Weltbeziehung faszinierend und bedenkenswert. Eine lohnende Lektüre – auch für Theologinnen und Theologen.

Dr. Sabine Mirbach

 

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