Religion? Ay Caramba! : Theologisches und Religiöses aus der Welt der Simpsons

Heger, Johannes/Jürgasch, Thomas/Karimi, Ahmad Milad (Hg.): Religion? Ay Caramba! : Theologisches und Religiöses aus der Welt der Simpsons. Freiburg 2017.

ISBN 978-3-451-37694-8

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Wer die Serie Die Simpsons aus dem heimischen Fernseher kennt, mag sich auf den ersten Blick wundern, wieso sich Theologinnen und Theologen mit dieser gelben Welt beschäftigen. Schließlich nehmen die Simpsons so vieles spöttisch ins Visier, was Menschen heilig ist. Auf den zweiten Blick sind die Phänomene, die die Serie karikiert, erstaunlich gut beobachtet. Die „gelbe Welt [stellt nicht nur] einen Spiegel der realen Welt der Postmoderne dar“ (S. 11), sondern wirkt auch auf diese ein (S. 13). Das gilt für viele gesellschaftliche Themen, zu denen nicht zuletzt, sondern besonders ausführlich die Religionen gehören. Einige wissenschaftliche Disziplinen haben bereits Veröffentlichungen zu den Simpsons herausgegeben: Philosophie, Mathematik und auch Theologie. Dieser neu herausgegebene theologische Sammelband unterscheidet sich von älteren Veröffentlichungen zum einen durch die interreligiöse Perspektive. Es finden sich Beiträge von christlichen und muslimischen Autorinnen und Autoren. Zum anderen wird die für die junge Generation besonders attraktive Serie nicht zur Missionierung missbraucht. Die kritischen Anfragen, die die Protagonistinnen und Protagonisten der Serie stellen, werden ernst genommen und in den Diskurs einbezogen. Die Beiträge stellen immer auch die Frage, was die Theologie von den Simpsons lernen kann. Nichtsdestotrotz verleugnen die Autorinnen und Autoren ihre Freude darüber nicht, dass die Simpsons die biblischen Erzählungen als Botschaft mit Gegenwartsrelevanz vermitteln (S. 33).

Die vier Hauptteile des Buches thematisieren, welche Rolle bei den Simpsons die Ethik, das Christentum, die Religionen sowie Welt und Kosmos spielen.

Stephan Koch und Petra Zeil stellen unter der Überschrift Love your neighbour as yourself?! Marge Simpson als Prototyp der Christinnen und Christen vor. „Sie hat erkannt: Wenn die Kirche lebendig bleiben will, muss sie sich der Sorgen und Nöte der Menschen annehmen“ (S. 40). Es folgt ein sehr guter Überblick über die möglichen Probleme im Spannungsfeld zwischen praktizierter Nächstenliebe und sozialer Gerechtigkeit (S. 46–55), die in der Serie durch Marge und Lisa Simpsons repräsentiert werden.

Melanie Albrecht und Andreas Kirchner stellen die Frage, ob sich von den Simpsons Lieben lernen lässt. Sie stellen differenziert Lisas Erfahrungen mit der Liebe vor und geben einen guten Überblick über das christliche Verständnis von Gottes- und Nächstenliebe. Homer fasst treffend zusammen: „Und am zillionsten Tag erschuf Gott die Umarmung. Und er sah, dass es gut war!“ (S. 75)

Aus dem 2. Teil Die Simpsons und das Christentum sei exemplarisch der Beitrag von Johannes Heger herausgegriffen: Bart Simpsons als Lehrmeister für die christliche Theologie in Sachen Ökumene?! – Eine theologische Mauerschau. Auch wenn es Versuche gab, die Simpsons einer einzelnen Konfession zuzuordnen, plädiert er dafür, sie nicht konfessionell zu vereinnahmen. Springfield, die Stadt, die für die amerikanische Gegenwartsgesellschaft steht, ist eher ein Ort der Religionen als der Konfessionen (S. 96f.). Dass ausgerechnet der stets über die Strenge schlagende Bart Simpsons für die Versöhnung der Konfessionen bzw. Religionen eintritt, erstaunt. „Die kleinen, dummen Unterschiede sind nichts neben den großen, dummen Gemeinsamkeiten!“ (S. 91) ruft er. Johannes Heger kommt – nach einem Überblick über die Rolle der Konfessionen bei den Simpsons und einem theologischen Ritt durch die Ökumenegeschichte – zu dem Schluss: „Ziel muss […] ein Ringen um eine wahrhafte Beziehung von Eigenem und Anderem sein – stets orientiert und motiviert an der Perspektive des pulsierenden und Theologie und Kirche kritisch anfragenden Lebens.“ (S. 111f.)

Auch wenn die Simpsons der realen Welt einen Spiegel vorhalten, spielen Musliminnen und Muslime nur sporadisch eine Rolle. Diese wenigen Filmausschnitte waren aber Anlass genug, auch aus muslimischer Sicht auf die Serie zu schauen. Idris Nassery beispielsweise greift eine überzogene Andeutung über die Angst vor der šarīʿa auf, um das Rechtssystem und die Ethik des Islams in ein differenzierteres Licht zu rücken. Er hält für „unentbehrlich, dass mehr Personen sich sowohl dem Studium westlicher als auch islamischer Rechtstradition widmen, um Denkansätze auf Höhe der Zeit entwickeln zu können und zum anderen im Kontext rechtswissenschaftlicher Diskurse die notwendigen Impulse zu setzen. Derart langfristige Perspektiven können nicht nur gegen die gemeinsam vulgäre Vorstellung politisch-fundamentalistischer Terroristen und Populisten von dem Begriff šarīʿa entgegenwirken, sondern insbesondere der Ideologisierung von Angst und mithin der Hysterie die Grundlage entziehen.“ (S. 237) Durchaus reizvoll sind auch der Ansatz von Alexander Schmidt, der die Frage stellt, ob Homer als Heiliger Narr verstanden werden kann, und die Suche von Fabian Freiseis nach jüdischen Lebenswelten in den Simpsons.

Aus dem 4. Teil – Welt und Kosmos bei den Simpsons – soll exemplarisch der Beitrag von Andrea Kajta Hauber über die (Un-)vereinbarkeit von Evolutions- und Schöpfungstheorie genannt werden. Ausgehend von der Simpsonsfolge Gott gegen Lisa Simpsons stellt die Autorin das Zueinander von Naturwissenschaft und Theologie und die Vereinbarkeit der verschiedenen Sichtweisen dar. Der Artikel ist – wie auch die anderen Beiträge des Bandes – eine sehr gute Literaturempfehlung für Schülerinnen und Schüler der Kursstufe, die ein Referat vorbereiten.

Das Schlusswort des Herausgeberteams, das interessanterweise nicht auf den letzten Seiten des Buches, sondern als Extra-Download auf der Internetseite des Herder-Verlages steht, werden die Erträge aller Beiträge genannt, mögliche Verwendungskontexte und die Grenzen des gelben Projektes. Sehr realistisch wird gesehen, dass sich Jugendliche, Gemeinden oder Studierende von der gelben Welt ansprechen lassen, aber Theologie selbstverständlich über die Beschäftigung mit den Simpsons hinausgehen muss.

Alles in allem eine bereichernde Lektüre!

 

Dr. Sabine Mirbach

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