Menschliches Leben beginnt jenseits der Verzweiflung In der Gottesschleife: Von religiöser Sehnsucht in der Moderne

Striet, Magnus: In der Gottesschleife. Von religiöser Sehnsucht in der Moderne. Freiburg ²2015, 192 S.

Das Recht ströme wie Wasser,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        (Amos 5,24)

Ich nenne euch nicht mehr Knechte sondern Freunde                                                                                                                                                                                                                                                                                                            (nach Joh 15,15)

Die neueste Buchpublikation von Magnus Striet, soeben in zweiter Auflage erschienen, wirft wichtige Fragen auf: Was ist, auch in der Theologie, nötig, um die Weichen für eine gerechtere Zukunft unter der weithin anerkannten Maxime vernunftgeleiteter Solidarität zu stellen? Welcher Geschichtsphilosophie bedarf es, um sowohl ein allzu skeptisches Menschenbild zu vermeiden als auch Gott das Leid seiner Geschöpfe nicht stärker anzulasten als angemessen? Kommt moralischer Sensibilität entscheidende Bedeutung zu, um als religiöser Mensch glaubwürdig zu sein und sich als Konsequenz daraus besonders für solche Mitmenschen einzusetzen, die am meisten Verständnis, Unterstützung und Wertschätzung brauchen? Und: Kann dieses Einfühlungsvermögen zeitlebens aufrecht erhalten werden, ohne dabei an der Last und Wucht der Theodizeefrage zu zerbrechen?

Ist atheistisch eingestellten Menschen ein wirklicher Vorwurf zu machen, die, auch in ihrem Umfeld, zu viel, zu großes Leid erfahren haben, um noch glauben zu können? Sollten nicht gerade ihre unerbittlichen Fragen beunruhigen und antreiben: im Hinblick auf radikaleres inneres Ringen, tieferen religiösen Ernst und Verzicht auf vorschnelle oder gar vorgefertigte Antworten?

Die vielleicht wichtigste Aussage des Buches findet sich auf S. 76 f.: „Vieles spricht dafür, dass die Neuzeit nicht auf den Gestus zu reduzieren ist, den Aufstand gegen Gott zu proben und selbst wie Gott sein zu wollen. Die Gottlosigkeit der Neuzeit hat wesentlich mehr mit dem Vermissen Gottes angesichts der Abgründigkeit der Menschheitsgeschichte zu tun.“

Diese Abgründe werden mit Blick auf die geschichtlichen Katastrophen der letzten beiden Jahrhunderte besonders deutlich – wenn wir versuchen, die Welt aus der Sicht der „Opfer“, der Leidenden zu sehen und dabei bedenken, dass diese im Vergleich zu den Täters stets eindeutig in der Mehrheit waren. Magnus Striets Verdienst liegt darin, dass er solchen Bedrängten, modernen Hiobsgestalten, zuhört, sie ernstnimmt: in ihrer (ungestillten) Sehnsucht, ihrer Ohnmacht – vor allem in ihrer Hoffnungslosigkeit, ihrem Ungetröstetsein: „Die [aus der Erfahrung von Machtmissbrauch und Gewalt] resultierende Gottlosigkeit vieler Menschen guten Willens ist keine selbst gewählte, sondern eine erlittene Gottlosigkeit, mehr noch: ein Nicht-mehr-glauben-Können“ (S. 77).

Wäre öfter und redlicher über solches nachgedacht worden, hätte man bestehende (Unrechts-) Strukturen und Ideologien sicherlich deutlich seltener als gottgewollt charakterisiert und wesentlich kritischer hinterfragt.

In diesem Zusammenhang ist etwa Jean Améry (1912-1978) zu nennen, der als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten gefoltert wurde und danach, trotz aller Bemühungen seinerseits, auf dieser Welt nicht mehr heimisch werden konnte. Gerade deswegen ist wohl das Kapitel über diesen kompromisslosen Mahner (S. 73-84) dem Autor das wichtigste seines Buches.

Warum greift Gott nicht in die Weltgeschichte ein um zu retten, um Menschen vor Entwürdigung zu schützen, vor Verzweiflung zu bewahren, obwohl er es aufgrund seiner Allmacht könnte, vielleicht auch müsste?

Diese Frage trieb auch den Dichter Georg Büchner (1813-1837) zeitlebens um, in seinem politischen Engagement vergleichbar mutig wie Améry – und ähnlich erfolglos. Büchners leidenschaftliches, schonungsloses Ringen mit Gott zeigt Striet durch Reflexion von Kernstellen aus Dantons Tod und Lenz deutlich auf. In ähnlicher Weise tritt der Autor mit den Dichtern Heinrich Heine (1797-1856), Albert Camus (1913-1960) und Philip Roth (Nemesis, 2010) ins Gespräch.

Deutlich wird hierbei die abgrundtiefe Enttäuschung darüber, wie wenig die gesellschaftspoltischen Ideale von Französischer Revolution (Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit) und Aufklärung bislang verwirklicht werden konnten, weil das Gefälle in Bezug auf Macht und Besitz zu häufig noch immer beängstigend hoch ist, auch in Staaten mit demokratischer Verfassung. Zum anderen wird das Alleingelassensein, der Schmerz und die Angst der Wehrlosen, insbesondere von Kindern (Roth, Camus) hervorgehoben und anklagend auf die Gottesfrage bezogen.

Zurecht erinnert Magnus Striet (wie zuvor etwa auch Johann Baptist Metz) daran, dass solches Fragen bereits in der Bibel verortet ist und dort selbstverständlich war, längst nicht nur im Buch Hiob, sondern z.B. auch in den Psalmen, Prophetenbüchern und Evangelien. Nicht jedes Elend in der Welt ist menschlicher Schuld anzulasten. Hier zeigt sich die dunkle, beängstigend zurückhaltende Seite Gottes, vor der auch der Autor letztlich fassungslos steht, in sprachloser Trauer (vgl. S. 147).

Eine Antwort versucht er dennoch: Dadurch, dass das Prinzip der Freiheit die Geschichte schon immer maßgeblich zu bestimmen scheint, steht (zwischenmenschliches) Glück, verlässliches Beheimatetsein, auch in Gott, ständig auf dem Spiel, ist stets in hohem Maße riskiert. In aller Schärfe hält Striet fest, dass auch Gott selbst sich demzufolge der Freiheit des Menschen ausgeliefert habe

(S. 169) – was mit Blick auf das Karfreitagsgeschehen in schrecklicher Weise offensichtlich wird.

Die einzig vernünftige Konsequenz aus alldem besteht darin, als Mensch auch wirklich Ernst zu machen mit der Freiheit: sie zu erkennen, zu ergreifen, zu wagen, vernünftig und verantwortlich mit ihr umzugehen.

Magnus Striet ruft dazu Immanuel Kant (1724-1804) in Erinnerung, der auch von dem gerade in dieser Hinsicht höchst anspruchsvollen Jean Améry als moralische Autorität akzeptiert worden ist:

Zum einen pocht Kant auf das Recht eines jeden Menschen auf Gewissensfreiheit, zum anderen setzt er mit dem „Kategorischen Imperativ“ auch klare Maßstäbe: Der Mensch soll sein Verhalten und Handeln unter die Maxime der Verallgemeinerbarkeit, des Gesamtinteresses, stellen – und er darf andere niemals als bloßes Mittel zum Zweck behandeln, weil gerade dies deren Freiheit, Unverfügbarkeit und Würde in tiefgreifender und nur schwer heilbarer Weise verletzt.

Dieser Freiheitsmissbrauch wurde in der Menschheitsgeschichte schon häufig zur Ursache von namenlosem Leid; allzu oft sind hierdurch auch wirklich nachhaltige Geborgenheitserfahrungen verhindert worden. Gerade deswegen sollte andererseits, nach Striets fester Überzeugung, auch das Potenzial der Freiheit, die Fähigkeit des Menschen zur sittlichen Selbstbestimmung, so weit wie nur möglich erkannt und ausgeschöpft werden – da anders die Menschenwürde nicht zuverlässig genug geschützt werden kann.

Das ist jedoch kaum möglich, wenn der Mensch vor allem als Sünder betrachtet wird. Dass dies oft im Übermaß getan wurde – wenn auch aus der guten Absicht, Gott vor der Verantwortung für das Böse zu entlasten – wird zurecht als eine der tragischsten Entwicklungen in der Geschichte des Christentums aufgezeigt. Denn eine solche Anthropologie kann nicht nur zu gegenseitigem Misstrauen führen, sondern auch zur Selbstverachtung: Wenn Menschen allzu oft hören müssen, dass sie die ihnen zuteil werdende Zuwendung eigentlich nicht verdient haben, bringt man sie dann nicht in Gefahr, einem nicht nur melancholischen, sondern sogar verschämten Atheismus anheimzufallen? Ist das Menschenbild der Bibel in weiten Teilen nicht deutlich zuversichtlicher (vgl. z.B. Ps 8,6; Mt 5,48)?

Die Freiheit beherzt und zuversichtlich zu riskieren – mit diesem Aufruf folgt Magnus Striet den Spuren des Fundamentaltheologen Thomas Pröpper (1941-2015) und der christlichen Existenzphilosophie. Eine so verstandene Freiheit ist jedoch immer nur in Verbindung mit tatkräftiger Hinwendung zu Welt und Mitgeschöpfen sinnvoll. Gerade dies aber birgt auch die Gefahr des Scheiterns, jedoch nicht vor dem eigenen Gewissen. In Freiheit zu handeln hat auch stets zur Folge, die ungeteilte, volle Verantwortung für das eigene Tun auf sich zu nehmen, was Striet mit Verweis auf das Beispiel Dietrich Bonhoeffers (1906-1945) deutlich herausstellt. Hierdurch kann es gleichzeitig auch gelingen, Unterwürfigkeit und unkritische Loyalität wirksam zu vermeiden.

Zu begrüßen ist, dass der Autor seinen Leserinnen und Lesern, ob gläubig oder nicht, möglichst viele Erfahrungen von Lebensfreude, ja Lebenslust wünscht, gerade als Konsequenz aus der Auferstehung Jesu an Ostern (vgl. Nachwort, S. 190 f.). Dahinter verbirgt sich wohl auch eine tiefe Sehnsucht nach der Aufhebung des tragischen Gegensatzes zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit, zwischen Sinnenlust und Keuschheit – denn auch diese Kluft ist eine latente Bedrohung für (zwischenmenschliches) Glück und verhindert somit häufig Erfahrungen heiterer Gelassenheit.

Magnus Striet stellt in seinem Buch viele wichtige, allzu oft verschwiegene Fragen. Zugleich wahrt er Diskretion, hütet sich vor fragwürdigen Versprechungen. Er kann die Ausweglosigkeit verzweifelter Menschen verstehend nachvollziehen – ohne aber selber hoffnungslos zu sein. Dies ist auch nicht nötig: Selbst wer Gott schmerzlich vermisst, vermag sich in kämpfender Liebe zeitlebens vor den Sollensansprüchen des Gewissens zu bewähren. Gerade deswegen ist eine Gefährtenschaft auch zwischen Gläubigen und bescheidenen Atheisten nicht nur möglich, sondern wünschenswert. Leonhard Ragaz hat schon vor 70 Jahren erkannt: „[Gott] ist nicht da, wo man ihn nennt und bekennt, aber seinen Willen nicht tut, er kann aber da sein, wo man ihn nicht nennt und bekennt, aber seinen Willen tut. Er ist da, wo Gerechtigkeit geübt wird.“ (Die Gleichnisse Jesu. Seine soziale Botschaft. Bern 41990, S. 22)

Wie aber kann Gewissenbildung gelingen, welche zwar moralische Empfindsamkeit weckt und stärkt, zugleich aber sowohl einen allzu selbstkritischen Blick als auch eine entmutigende Traurigkeit über das viele Elend in der Welt verhindert? Diese Herausforderung ist und bleibt von entscheidender Bedeutung – besonders in religionspädagogischer Hinsicht.

Josef Gottschlich

 

Das Buch kann im Medienportal der Mediathek Freiburg und einigen der 16 Religionspädagogischen Medienstellen der Erzdiözese Freiburg ausgeliehen werden.

Weitere Hinweise und eine Leseprobe finden sich hier>>> .

2 Gedanken zu “Menschliches Leben beginnt jenseits der Verzweiflung In der Gottesschleife: Von religiöser Sehnsucht in der Moderne

  1. „Ist atheistisch eingestellten Menschen ein wirklicher Vorwurf zu machen, die, auch in ihrem Umfeld, zu viel, zu großes Leid erfahren haben, um noch glauben zu können?“
    Gibt es dieses Phänomen eigentlich wirklich?
    Ich persönlich keine keine Atheisten, bei denen es daran liegt. Habt ihr eventuell eine Statistik über sowas?

    • Eine Statistik hierüber ist mir noch nicht begegnet, aber, bereits vor längerer Zeit, zahlreiche Erzählungen von Menschen mit dieser Erfahrung – vor allem im Zusammenhang mit schwerem Leid oder dem Tod von (eigenen) Kindern. Dies war im Übrigen auch der entscheidende und womöglich einzige gewichtige Grund für den Atheismus von Albert Camus, dem in Magnus Striets Buch ein eigenes Kapitel gewidmet ist.
      Zu den von Striet porträtierten leidenschaftlichen Gottsuchern ist noch anzumerken: Die meisten von ihnen, etwa Georg Büchner und Jean Améry, haben bei ihrem Kampf gegen Diktatur und für soziale Gerechtigkeit nicht nur Gesundheit, Freiheit und Leben riskiert, sondern auch ihren Glauben, sind gerade diesbezüglich mit der fortwährenden und völligen Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen nicht fertig geworden.
      Das Buch gebietet hauptsächlich vor allem zweierlei: zum einen mit dem Glaubensaussage, dass keinem Menschen mehr aufgebürdet werde, als er tragen könne, in Hinblick auf FREMDES Leid überaus vorsichtig umzugehen und zum anderen, auch die „Ökumene“ mit melancholischen, „frommen“ (Herbert Schnädelbach) Atheistinnen und Atheisten zu suchen, wenn es um den Einsatz für Frieden und die Durchsetzung von Menschenrechten geht. Denn gerade solche Menschen sind oft nicht nur äußerst ideologiekritisch, sondern auch sehr mitfühlend und moralisch hochsensibel.

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