30 x soziales Lernen für 45 Minuten

Kurt, Aline: 30 x soziales Lernen für 45 Minuten. Fertige Stunden zur Förderung der Sozialkompetenz – Klasse 1/2. Mühlheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr 2016, 128 S.

Die vorliegende Publikation, welche dem Bereich Mensch des Bildungsplanes 2016 zugeordnet werden kann, enthält für die Klassenstufen 1 und 2 je 15 vollständig ausgearbeitete und praxiserprobte Einzelstunden zur Unterstützung des sozialen Lernens.

soziales lernenJeder Stundenentwurf umfasst einen Überblick über Unterrichtsinhalt, prozess- und inhaltsbezogene  Kompetenzerwartungen, benötigtes Material, Vorbereitungsmaßnahmen sowie eine ausführliche Beschreibung des Unterrichtsverlaufs. Danach finden sich zu jeder Stunde die benötigten Materialien und Kopiervorlagen: Texte mit Geschichten, Rezepte, Bild-, Bastel- und Spielbeschreibungen. Leider fehlen jedoch dieses Mal, im Gegensatz zu sonstigen Publikationen der Autorin, Hinweise zur qualitativen oder quantitativen Differenzierung.

Da sie weder Lese- noch Schreibkompetenz voraussetzen, eignen sich sämtliche Unterrichtsstunden der Klassenstufe 1 auch für inklusiven Religionsunterricht. Dies trifft auch auf den ersten Teil der Unterrichtsentwürfe für die zweite Jahrgangsstufe zu.

Weiterhin knüpfen die Lernimpulse der Publikation erfreulich gut an die Lebenswelt der Kinder an: Ihre Freuden und Nöte im Zusammenhang mit dem Schuleintritt werden ebenso thematisiert wie ermutigende Erfahrungen und Konflikte in der Schulklasse, in der Familie und mit Freundinnen oder Freunden. Auch wurde das didaktische Prinzip des Lernens mit allen Sinnen berücksichtigt. Die Einstiegsgeschichte, welche von einer Freundschaft zweier verschiedenartiger Tiere (Katze und Rabe) erzählt, ist originell und motivierend. Zugleich zeigt sie schon zu Beginn eine wichtige Grundintention der Autorin: Ermutigung zu Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt, was zugleich auch einer der Leitperspektiven des neuen Bildungsplanes entspricht. Bei aller Notwendigkeit von Rücksichtnahme und Kompromissbereitschaft wird immer wieder auch das Selbstbestimmungsrecht der Kinder betont, zum Beispiel hinsichtlich der Auswahl von Freundinnen und Freunden (S. 12) oder in Bezug auf das Teilen (S. 101–104). So wird deutlich und plausibel, dass soziales Lernen darauf abzielt, einen Mittelweg zwischen Egoismus und Altruismus zu finden.

Besonders hilfreich und vielfältig sind in diesem Zusammenhang die Unterrichtsbausteine zur Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie zum Perspektivwechsel. Aline Kurt macht deutlich, dass es hier vor allem darauf ankommt, die Gefühle und Empfindungen von sich selbst und anderen rechtzeitig und möglichst eindeutig zu erkennen – gerade, um einer Eskalation von Konflikten vorzubeugen und diese möglichst gerecht zu lösen. Insbesondere die Grundbefindlichkeiten Angst, Wut, Trauer, Freude und Glück sowie die Beachtung der Körpersprache spielen dabei eine wesentliche Rolle, etwa in den auf S. 20–22 vorgestellten Lernimpulsen.

Zurecht werden die Themen Umgang mit fremdem Eigentum, Höflichkeit und Zuhören bei den Unterrichtsentwürfen zur 1. Klasse ausführlich behandelt. Sowohl die kurzen Fallbeispiele zum Umgang mit dem Besitz anderer als auch das sorgfältig konzipierte Höflichkeitsspiel sind für die Kinder sowohl motivierend als auch hilfreich, um ihren Gerechtigkeitssinn zu schärfen und ihr Sozialverhalten zu überdenken.

 

Auch eher schüchterne und zurückhaltende Schülerinnen und Schüler werden berücksichtigt, da viele der Stunden Phasen von Partner- oder Kleingruppenarbeit beinhalten. Als hilfreich erweist sich, dass die Lernimpulse für beide Klassenstufen einen fortlaufend höheren Schwierigkeitsgrad aufweisen. Demnach ist es sinnvoll, die vorgegebene Reihenfolge, zumindest weitgehend, beizubehalten. Manche der Unterrichtsanregungen für Klasse 2 könnten sich jedoch als noch zu anspruchsvoll erweisen, zum Beispiel die Lernimpulse zur Unterscheidung von Mitleid und Mitgefühl (S. 90–93), zur Umformulierung von Ich-Sätzen in Du-Botschaften (S. 119–123) oder zur Modellierung eines Dankbarkeits-Symbols aus Knet (S. 97). Hierbei wäre es sicher hilfreich gewesen, einige konkrete Vorschläge zu benennen. Auch sollte bei den Arbeitsblättern (z.B. S. 100) möglichst die Lineatur der jeweiligen Klassenstufe verwendet werden, um den Kindern das Schreiben zu erleichtern.

Trotzdem überwiegen eindeutig die Stärken der Publikation, insbesondere Abwechslungsreichtum und Methodenvielfalt. Viele Methoden, zum Beispiel Puzzlestücke zum Thema „Teilen“, passen überdies besonders gut zum jeweiligen Unterrichtsinhalt. Auch motivieren die meisten Zeichnungen gut zum Erzählen, ohne inhaltlich zu viel vorwegzunehmen; einige der Bilder, z.B. die beiden Zeichnungen auf S. 96, lassen aber in Bezug auf das jeweilige Thema auch eine gewisse Klarheit und Eindeutigkeit vermissen.

Gerade deswegen, weil empathisches Lernen viele Voraussetzungen erfordert und daher im (Religions-) Unterricht nicht leicht zu vermitteln ist, sind qualitativ gute, zielführende Lernimpulse wie in der vorliegenden Publikation von Aline Kurt, in besonderer Weise hilfreich und notwendig.

Josef Gottschlich

 

Weitere Informationen und eine Leseprobe finden sich hier>>>.

 

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