Resilienz entwickeln und stärken in der Grundschule

Kurt, Aline: Resilienz entwickeln und stärken in der Grundschule. Praktische Materialien, die Kinder widerstandsfähiger machen. Mühlheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr 2017, 128 S.

In ihrer neuesten Publikation setzt die Autorin den Hauptakzent auf ein Thema, dem gerade auch in der Schulpraxis eine zunehmende Bedeutung und Wichtigkeit beigemessen wird: der Stärkung kindlicher Widerstandskräfte. Dies kann in familiären oder schulischen Krisensituationen von entscheidend hilfreicher Bedeutung sein, um Lebensbejahung und Lebensmut aufrecht zu erhalten sowie Kinder dabei unterstützen, ein ausreichendes Maß an Frustrationstoleranz zu entwickeln.

Buchcover_Resilienz_entwickeln_in_der_GrundschuleDie vier Kapitel des Buches tragen die Überschriften Selbstwertgefühl stärken, Umgang mit Gefühlen, soziale Kompetenzen, Kraft und Ruhe tanken. Jeder dieser Abschnitte ist in Lernimpulse und Übungen zu Selbsterfahrungen einerseits sowie Gemeinschaftserfahrungen andererseits untergliedert. Die Selbsterfahrung und -reflexion nimmt dabei stets den deutlich größeren Raum ein; sämtliche Aufgabenstellungen hierzu sind differenziert: für Kinder, die noch nicht lesen können und für solche, die über diese Kompetenz bereits verfügen. Somit kann die Publikation in großen Teilen bereits für das erste Schuljahr empfohlen werden, worin ein besonders bemerkenswerter Vorzug liegt: Gerade bei der Schulung von Resilienz und Empathie ist besonders wichtig, dass rechtzeitig damit begonnen wird.

Das Buch eignet sich gut für den fächerverbindenden Unterricht, insbesondere zwischen den Fächern Kunst, Deutsch und Religion: Zahlreiche bildnerische Darstellungen, einfühlsam erzählte Kurzgeschichten und ethische Themen wie wertschätzender Umgang mit sich selbst und anderen, Verzeihen oder gewaltfreie Konfliktbewältigung stehen im Mittelpunkt. Dabei vermeidet es Aline Kurt konsequent zu moralisieren – bei den meisten der Unterrichtsbausteine ihres Buches geht es darum, sich seelische Befindlichkeiten bewusst zu machen, eine stärker ausgeprägte Selbst- und Fremdwahrnehmung zu entwickeln sowie Schwächen und Schwierigkeiten immer auch als Chancen, nicht nur als Belastungen, zu verstehen.

Besonders gelungen sind in diesem Zusammenhang die Lernimpulse mit Tierdarstellungen, da sie zu einer gewissen Selbstdistanz verhelfen, Kindern gleichzeitig aber auch Anregungen zu Mitgeschöpflichkeit vermitteln. Zudem sind es in der Tat gerade Erfahrungen mit Tieren, welche Schülerinnen und Schüler häufig in ihrer Widerstandskraft und Gelassenheit entscheidend stärken.

Anstöße zu einer allzu unkritischen Selbsteinschätzung werden jedoch konsequent vermieden; grundsätzlich nimmt die Autorin, einem dialektischen Denkansatz folgend, Stärken und Schwächen gleichermaßen in den Blick. Gerade aus dem zweiten Kapitel Umgang mit Gefühlen geht unmissverständlich klar hervor, dass auch negative Grundbefindlichkeiten wie Angst, Wut oder Trauer bisweilen sinnvoll und berechtigt sind. Die Kunst, auch solche Gefühle nicht zu verdrängen, sie gegebenenfalls deutlich zu zeigen, dabei aber sozialverträglich zu bleiben, wird in vielen vorgestellten Übungsformen geschult. Gerade das aufmerksame gegenseitige Zuhören können Schülerinnen und Schüler anhand der zahlreichen, vielfältigen Lernimpulse und Aufgaben in Partnerarbeit eingehend üben.

Interessant und aufschlussreich sind die Ausführungen zu vier verschiedenen Denk- und Wahrnehmungstypen (S. 104), weil hierbei deutlich wird, dass jedes Temperament Vorzüge und Probleme mit sich bringt. Auch hier können Kinder lernen, dass sowohl genaue Wahrnehmung als auch gründliche Reflexion unabdingbar sind, um zu einem wirklich begründeten Urteil zu gelangen und andere nicht vorschnell zu kritisieren oder unbedacht zu verletzen. Gerade die zahlreichen Übungen zum Perspektivwechsel in allen Kapiteln des Buches können hierfür neue, teils auch überraschende Erkenntnisse vermitteln.

Gedichte und Musik kommen leider in der Publikation kaum vor, denn beides kann in entscheidender Weise zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit beitragen. Motivierend sind jedoch die vielfältigen Aufgaben zum kreativen Schreiben oder Zeichnen sowie die gerade in diesem Buch durchgehend empathisch-wertschätzende Ansprache der Kinder. Auch der immer wieder durchschimmernde augenzwinkernde Humor der Autorin vermag den Schülerinnen und Schülern Lebensfreude und heitere Gelassenheit zu vermitteln.

Dass die ausreichend große Beachtung stimmungstheoretischer Überlegungen und Erkenntnisse auch für das religiöse Lernen von oft entscheidender Bedeutung ist, steht außer Frage. Auch wenn die Verfasserin in dieser Publikation einen eindeutig christlichen Bezug nicht herstellt und viele der Gemeinschaftsübungen vor allem für Lerngruppen geeignet sind, in denen bereits ein guter Zusammenhalt herrscht, enthält das Buch zweifelsohne eine ganze Menge hilfreicher und ohne großen Aufwand umsetzbarer Anregungen auch für einen gelingenden und fruchtbaren Religionsunterricht – von Anfang an.

Josef Gottschlich

Nähere Hinweise finden sich hier>>>

 

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