Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut

Im Februar 2016 ist ein wunderbares Buch erschienen, dessen Lektüre bewegt und das durchaus auch für Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe zu empfehlen ist: Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier. Der Roman folgt einem sechsjährigen Mädchen durch eine europäische Stadt, dessen Sprache es nicht versteht. Das Kind ist ganz auf sich alleine gestellt, begegnet aber immer wieder Menschen, die ihm zugetan sind.

Der Onkel – was dieses Wort bedeutet, weiß sie nicht – lehrt sie zu schreien, wenn sie „Polizei“ hört. Den Inhalt dieses Wortes, auf dessen Erwähnung hin sie zuverlässig das erlernte Schreiprogramm ablaufen lässt, verbindet sie nicht mit ihrer Begegnung mit wirklichen Polizisten. Zunächst verbringt sie die Nächte mit diesem sogenannten Onkel und anderen Männern, von denen sie versteht, dass sie ihnen lästig ist. Für die Tage wurde ihr beigebracht, wie sie sich verhalten soll, um mit Essen versorgt zu werden. Bogdan, in dessen Geschäft sie geschickt wird, kümmert sich um sie und fragt nicht nach, wenn sie abends aus seinem Laden verschwindet.

kohlmeierDann lässt der Onkel sie im Stich, und auf der Suche nach ihm findet sie auch den Weg zu Bogdan nicht mehr wieder. Von der Polizei aufgegriffen und in einem Heim untergebracht, hört sie bei einem großen Jungen endlich wieder die eigene Sprache. Dieser Schamhan und der kleine Arian fliehen mit ihr aus dem Heim. Sie brechen gemeinsam in ein leer stehendes Haus ein, verlieren sich und begegnen sich zu zweit wieder. Diese erneute Begegnung, nach der das Buch offen endet, ist verstörend und trotzdem voller Hoffnung. Das Mädchen hat es über den Winter geschafft.

Michael Köhlmeier, der sich selbst als episch denkenden Menschen bezeichnet, hatte beim Schreiben dieses beeindruckenden Buches nicht die Flüchtlingskrise im Kopf. Bei einer Lesung in einer Freiburger Buchhandlung spricht er von seiner Faszination durch Wolfskinder, von denen viele im Baltikum lebten. Mark Twains Huckleberry Finn ist für ihn der Inbegriff von Freiheit. Der Titel des Buches erinnert bewusst an Hans Christian Andersens Märchen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Märchen sind nach Aussage von Michael Köhlmeier ein realistisches Genre, weil die Wirklichkeit sich oft so zeigt, wie es sich niemand je hätte vorstellen können.

Auch wenn das Buch nicht als Beitrag zur Flüchtlingskrise verfasst wurde – vielleicht gerade deswegen -, eröffnet es in seiner dichten Bilderwelt Zugänge zur Lebenswelt unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter. Eine sehr lohnende Lektüre.

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-maedchen-mit-dem-fingerhut/978-3-446-25055-0/

Sabine Mirbach

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