Mensch werden

Kraml, Martina; Scharer, Matthias; Sejdini, Zekirija: Mensch werden. Grundlage einer interreligiösen Religionspädagogik und -didaktik aus muslimisch-christlicher Perspektive. Stuttgart 2018, 164 S.

Neben der theologischen ist stets auch eine anthropologische und lebensweltliche Grundlegung des interreligiösen Lernens wichtig und notwendig. Dies entfalten die drei Verfasser des Buches gut verständlich und zugleich in einer Offenheit, die zu lebhafter und kontroverser Auseinandersetzung einlädt.

Im einleitenden Kapitel werden Motivation, Ziele und die biografischen Grundlagen der Autorin und der beiden Autoren angesprochen. Diese entfalten im zweiten Teil des Bandes wichtige Zusammenhänge, durch welche Bildungsprozesse bedingt sind. Kapitel 3 und 4 sind anthropologischen und theologischen Grundlagen sowie grundlegenden Konzepten des Innsbrucker Modells (Themenzentrierte Interaktion und Kommunikative Theologie) gewidmet. In Kapitel 5 werden Charakteristika für eine interreligiöse Religionspädagogik und -didaktik entfaltet, welche sich aus diesem Ansatz ergeben. Der Teil beinhaltet schließlich konkrete Grundhaltungen für einen fruchtbaren interreligiösen Dialog.

Die Verfasser, in der katholischen Kirche (Kraml, Scharer) und im Islam sunnitischer Prägung (Sejdini) beheimatet, verweisen zunächst darauf, dass Säkularität durchaus ein guter Nährboden für interreligiöses Begegnungslernen sein kann: Eine durch die Trennung von Religion und Staat bedingte weltanschauliche Neutralität gebe nämlich verschiedenen religiösen Sichtweisen Platz – wenn es gelinge, einen „ausgrenzenden Humanismus“ (S. 35) zu vermeiden, der sich metaphysischer Offenheit dauerhaft verweigert und übersieht, dass Gewalt und Demokratiefeindlichkeit immer wieder auch in säkularen Räumen vorkommen.

Als gemeinsame Errungenschaft von Humanismus und den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam werden die Menschenrechte genannt – als Früchte der drei Grundprinzipien eines menschenwürdigen Miteinanders: Bezogenheit (aufeinander angewiesen sein), Freiheit und Verantwortung (S. 51). Gefestigt wird dies noch durch die Erkenntnisse der christlichen und islamischen Schöpfungstheologie: Der Mensch ist als Abbild Gottes von Grund auf gut und als Geschöpf eines freien Gottes zur gewissenhaften Gestaltung seines Lebens und seiner Mitwelt aufgerufen (S. 52).

 

Gleichzeitig aber, so die Verfasser, bleibt dieser Gott letztlich verborgen und unverfügbar (S. 65); ob und inwieweit er in das Weltgeschehen eingreift, ist letztlich ungewiss. Dennoch teilt er sich den Gläubigen in Selbstoffenbarungen mit; zentrale Inhalte dieser Selbstmitteilungen finden sich in Bibel und Koran. Dabei gehe es aber nicht nur um Informationen und Handlungsanweisungen, sondern vor allem um eine dialogische Grundhaltung: als Erweis von Interesse und Zuwendung (S. 66). Weiterhin können, gerade in der prophetischen Tradition, göttliche Offenbarungen auch einer kritischen Sicht auf menschliche Machtansprüche dienen sowie wirksam vor Instrumentalisierung und Manipulation schützen (S. 75). Engagement für Gerechtigkeit und wertschätzende, tolerante Anerkennung auch Fremder, Andersdenkender ergeben sich daraus als notwendige Schlussfolgerungen.

Im weiteren Verlauf werden die beiden wichtigsten Grundlagen des Innsbrucker Modells für den interreligiösen Dialog zwischen Katholizismus und Islam benannt: Themenzentrierte Interaktion (TZI) und Kommunikative Theologie. In Bezug auf die von Ruth Cohn (1912-2010) entwickelte TZI werden deren Grundprinzipien genannt: die Eigenverantwortlichkeit (chair-person-Regel), das Ernstnehmen von Störungen, eine aktive Förderung von Freiheitsentfaltung und Entscheidungsfreudigkeit sowie ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit von anderen. Dabei soll die Hauptaufmerksamkeit immer auf dem jeweils klar zu formulierenden Thema liegen; die Parameter Ich, Wir, Thema und Globe (Gegebenheiten des gesellschaftspolitischen Umfelds) werden hierbei jedoch als gleichwertig betrachtet (S. 94).

In der kommunikativen Theologie werden dieser Erkenntnisse nun auf die kirchengemeindliche Praxis angewendet: Unter Berücksichtigung der biographischen, intersubjektiven, soziologischen, wirtschaftlichen, politischen und theologischen Dimension des Menschseins wird ergebnisoffen und beziehungsorientiert nach zukunftsfähigen Antworten auf existenzielle Lebensfragen gesucht. Sowohl subjekt– als auch kontextbezogen denken Gläubige verschiedener Religionen unter der Berücksichtigung möglichst vieler Perspektiven der Wirklichkeit über menschenwürdige Lösungen drängender Probleme nach.

 

Wichtig hierbei ist, unter welchen Bedingungen die (Grund-) Bedürfnisse möglichst vieler Menschen möglichst dauerhaft gestillt werden können. Dieses, auch sozio-ökonomische Problem, erfordert unter anderem „Ordnungsbrüche“ (S. 114), also die Hinterfragung und Korrektur bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse sowie die Überwindung von solchen religiösen Traditionen, welche nicht an der Menschenwürde orientiert sind.

mensch werdenDie Anerkennung offener, noch unbewältigter Fragen ist den Verfassern jedoch eindeutig wichtiger als deren Bewältigung (S. 116). Dabei sei stets auch die Begrenztheit und Vorläufigkeit sowie der fragmentarische Charakter eigener religiöser Überzeugungen anzuerkennen (S. 118): Ähnlich wie Gott selbst, bleibe auch die Wahrheit dem Menschen verborgen; vor allem die Sehnsucht nach ihr treibe ihn an, nicht deren Besitz. Hinzu kommt, in Anlehnung an Rudolf Englert, die Überzeugung, das Beste an Religion könne ohnehin nicht standardisiert werden (S. 131), womit auch eine grundlegende Kritik am Kompetenzbegriff einhergeht.

Die Vorteile einer solchen Konzeption wie des Innsbrucker Modells liegen auf der Hand: Sie erfordert eine stark ausgeprägte Empathie (S. 133), ermöglicht ein hohes Maß an Spontaneität (S. 131) sowie ein prozessbewusstes und mehrperspektivisches didaktisches Vorgehen im Religionsunterricht (S. 132) und sieht die Identitätsfindung vor allem als prozesshaftes sowie nicht-vollendbares Phänomen. Zudem benötigt dieser Denkansatz möglichst offene Curricula und eine eindeutige Vorrangstellung existenziell bedeutsamer Themen im RU, z.B. Freundschaft/Liebe, Angst, Tod, Freiheit, Verantwortung, Dilemmata-Situationen, gewaltfreie Konfliktbewältigung, Gerechtigkeit, Frieden und Hoffnung. Auch sollten in diesem Zusammenhang stets die Rahmenbedingungen und „Spielregeln“ des interreligiösen Dialogs kritisch bedacht werden: Ereignet er sich wirklich in einem (weitgehend) herrschaftsfreien Raum; sind die beteiligten Partner tatsächlich gleichberechtigt, etwa in den Rollen des Gastes und Gastgebers (S. 144)?

Bei allen Vorzügen dieser Konzeption bleibt inhaltlich aber auch beunruhigend vieles offen. Im von Hans Küng initiierten interreligiösen „Projekt Weltethos“ etwa treten, entsprechend der Gebote 4–10 des Dekalogs, zu der Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrechte weitere „unverrückbare Weisungen“, also verbindliche Bildungsziele noch hinzu: Gewaltfreiheit, soziale und intergenerationelle Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit sowie die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Weiterhin besteht im Zusammenhang mit dem Innsbrucker Modell die Gefahr, die Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Weltreligionen deutlich ernster zu nehmen als ihre Unterschiede. Überdies kann die von den Verfassern in Erwägung gezogene Möglichkeit, dass selbst grundlegende religiöse Sachverhalte völlig anders sein könnten als zuvor angenommen, selbst kritisch Gläubige durchaus überfordern (vgl. S. 141).

Im Zuge des interreligiösen Dialogs wird jedoch angeraten, auch Tabu- und „Schattenthemen“ keinesfalls auszusparen (S. 134). Außerdem wird dem Mut, sich mit echtem Interesse auf Begegnungen mit Angehörigen anderer Religionen einzulassen, zurecht eine zentrale Bedeutung zugewiesen. Dass eine solche Teilhabe, im Gegensatz zur bloßen Teilnahme (S. 143), auch zur irritierenden Grenzerfahrung werden kann, verschweigen die Verfasser dankenswerterweise nicht. Doch vertrauen sie, wohl zurecht, auch darauf, dass gerade die oft große Ähnlichkeit des Globe (einer zunehmend von den Gesetzmäßigkeiten des neoliberalen Globalisierungskapitalismus geprägten Welt) und einer von tiefer Sehnsucht nach Gott getragenen Mystik entscheidend zum Gelingen solcher Begegnungen beitragen können (S. 145).

Josef Gottschlich

 

Das Buch kann im Medienportal der Mediathek Freiburg ausgeliehen werden. Weitere Hinweise finden sich hier >>>.

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