Auf der Grenze zwischen frommem Atheismus und Heilserwartung

Memoria Passionis: Ein überzeugendes Plädoyer für religiösen Ernst und caritatives Engagement

„Fragt euch, ob die Theologie, die ihr kennenlernt, so ist, dass sie vor und nach Auschwitz eigentlich die gleiche sein könnte. Wenn ja, dann seid auf der Hut!“ Dieses Kriterium, das Johann Baptist Metz (1928-2019, 1963-1993 Professor für Fundamentaltheologie in Münster) immer wieder seinen Studierenden mit auf den Weg gab, führt mitten hinein in die zentrale Thematik seines Buches Memoria Passionis, einem Sammelband, in dem 18 Essays des Autors aus den 1990er Jahren zusammengefasst sind. Den Grundstein hierfür legte er bereits mit seiner Ansprache zur jüdisch-christlichen Ökumene im Nachkriegsdeutschland beim Freiburger Katholikentag 1978 (abgedruckt im nur noch antiquarisch erhältlichen Buch Gott nach Auschwitz, Freiburg: Herder, 1979), einem der besten und bedenkenswertesten Texte, die bislang zu dieser Thematik erschienen sind.

Insbesondere nach der geschichtlichen Katastrophe der beispiellos grausamen

Judenverfolgung unter Hitler muss die Frage nach Gott eine offene Wunde bleiben. Vor allem kann und darf es hier keine vorschnelle Harmonisierung geben, gerade wenn man den größten Wunsch der Shoa-Opfer Ernst nimmt: dass ihr Leid niemals in Vergessenheit gerät. Spätestens nach diesem, bislang wohl größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, muss, mehr als alles andere, die „Autorität der Leidenden“ im Mittelpunkt allen theologischen Denkens stehen. Dies ist die zentrale Forderung, die Metz in seinem Buch stellt. Damit knüpft er vor allem an die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) an, besonders an die Seligpreisungen (Mt 5,1-12) und die Rede Jesu vom Weltgericht (Mt 25,31-46: ‚Was ihr einem dieser geringsten meiner Brüder [Mitmenschen] getan habt, das habt ihr mir getan‘- Mt 25,40). Diese Forderung, die Welt vor allem aus der Sicht der Leidenden: der Benachteiligten, Entrechteten, Ausgebeuteten zu sehen, ist nicht neu, doch scheint es unabdingbar, immer wieder daran zu erinnern.

Dies entspricht auch dem Vermächtnis vieler Heiliger und Vorbilder im christlichen Glauben, deren leidenschaftliches Mitgefühl mit notleidenden Menschen zur Antriebskraft ihres Mutes und unermüdlichen Einsatzes geworden ist. J. B. Metz gründet auf dieses Postulat die Compassion als Dreh- und Angelpunkt seiner Neuen Politischen Theologie. Dieser genügt es nicht, nur Symptome zu kurieren, sondern sie zielt primär darauf ab, die Ursachen (zwischenmenschlichen) Leids so weit als möglich zu bekämpfen. Insofern ist sie eng mit der Befreiungstheologie verwandt. Der Autor traut der Kirche hierbei durchaus zu, eine wichtige Vorreiterrolle in diesen Prozess zu verkörpern – sowohl, was das Festhalten an bedingungslos gültigen Grundprinzipien wie der Gewaltfreiheit als auch, was den Einsatz für gerechtere politische und ökonomische Strukturen im Zeitalter des neoliberalen Globalisierungs-Kapitalismus betrifft. Metz steht dabei in der Tradition alttestamentlicher Propheten wie Amos oder Jeremia und der Forderung Jesu in Mt 6,33: ‚Euch muss es aber zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen‘. In diesem Zusammenhang beklagt der Autor zurecht, es habe in der Geschichte des Christentums ein drastisches Defizit an politischer Widerstandsgeschichte und ein beunruhigendes Übermaß an politischer Anpassungsgeschichte gegeben, auch deswegen, weil – im Zuge einer sich hauptsächlich auf Paulus gründenden Theologie (vgl. v. a. Römer 13,1) – eine allzu unkritische Sicht auf (staatliche) Autoritäten und Hierarchien weitgehend Usus geworden sei. Demgegenüber hat es aber nichts mit fehlender Demut zu tun, wenn insbesondere gegen Machtmissbrauch Widerstand geleistet wird, weil gerade dieser immer wieder zu einer der Hauptursachen zwischenmenschlichen Leids geworden ist – auch innerhalb der Kirche.

Auch grenzt sich Metz auch entschieden von jeglicher Form des Heilsindividualismus‘ ab: Wenn jeder primär nur seine eigene Seele zu retten sucht, hat dies mit vernunftgeleiteter Solidarität im Sinne Jesu kaum noch etwas zu tun. Der Autor wendet sich weiterhin gegen die ethische Unverbindlichkeit des postmodernen Zeitalters, in welchem man ethischen Grundnormen (etwa Leben in Würde soll sein oder Benutze Mitgeschöpfe niemals als bloßes Mittel zum Zweck) ihre Verallgemeinerbarkeit weithin abspricht, andererseits höchst fragwürdige Vorgaben von Wirtschaft und Politik, vor allem die Verabsolutierung der Wettbewerbsfähigkeit, aber zugleich merkwürdig unkritisch hingenommen werden.
Doch auch in anderer Hinsicht fordert der Autor einen Paradigmenwechsel: Er appelliert in Anknüpfung an Karl Rahner daran, dass das Christentum nicht „als eine Art bürgerlicher Heimatreligion“ aufgefasst werden dürfe, „der alle tödlich bedrohte Hoffnung, jede verletzliche und widerspenstige Sehnsucht ausgetrieben ist“.

Vielmehr ist somit die Memoria Passionis auch eine Erinnerung alle, die exitstenziell an ihrer unerfüllten Sehnsucht nach Gottes Nähe gelitten haben, ohne dabei in geschichtsfernen Mythen oder Erscheinungsformen der Ästhetik Trost zu finden. Ohne sich darauf zu beschränken, erwähnt Metz in diesem Zusammenhang biblische Ereignisse und Personen.  „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’“(Psalm 22,2); „Mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis“ (Ps 88,19); „Aus der Tiefe rufe ich, Gott, zu dir“ (Ps 130,1) sind etwa Gebetsrufe der Psalmisten in verzweifelten Lebenssituationen; das Buch Hiob ist durchweg davon geprägt – und auch weniger existenzbedrohliche Widerfahrnisse können bereits zu tiefer seelischer Not führen, wovon etwa das bittere Weinen Hannas aufgrund ihrer langen Kinderlosigkeit zeugt (vgl. 1 Sam 1,1-16).

J.B. Metz ist davon überzeugt, dass solche Erfahrungen keinesfalls zwangsläufig eine Abwendung von Gott zur Folge haben müssen, etwa in der Erscheinungsform des frommen Atheismus, vgl. Herbert Schnädelbach: Religion in der modernen Welt oder Magnus Striet: In der Gottesschleife. Von religiöser Sehnsucht in der Moderne.

Hierzu ist es jedoch notwendig, dass gerade auch diejenigen sich in der Kirche beheimatet wissen dürfen, welche Gottes Gegenwart zwar schmerzlich vermissen, aber dennoch nicht aufhören, mit Gott zu ringen und nach Gott zu suchen. J.B. Metz weist in diesem Zusammenhang auf Gebete hin, in denen aufgrund unerträglicher Leid-Erfahrungen keine Worte mehr gefunden werden können und die demnach nur noch eine Landschaft aus Tränen oder gar aus Schreien sind (Nelly Sachs).

Ein solches Beten sei zwar wesentlich beunruhigender und ungetrösteter als die abstrakt-idealistische Sprache der vorherrschenden Theologie, aber zugleich auch „viel widerstandsfähiger, viel weniger geschmeidig und anpassungsbereit und viel weniger vergesslich“.

 

Darüber hinaus kritisiert Metz, die christliche Theologie habe bislang ihr Hauptaugenmerk auf die menschliche Schuld und deren Versöhnung gelegt, sei demnach meist eher sühne- als leidempfindlich gewesen; auch der Kreuzestod Jesu sei diesbezüglich allzu einseitig verstanden worden. Fürwahr sollte bedacht werden, dass vieles Leid, zum Beispiel Krankheit, von (persönlicher) menschlicher Schuld weitgehend unabhängig ist; bereits Aussagen Jesu in den Evangelien verweisen auf diesen Tatbestand, am deutlichsten wohl in Johannes 9,3 („Weder er [= ein erblindeter Mensch] noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“). Gerade das Leiden weitgehend Unschuldiger war immer schon, bereits in der Weisheitsliteratur des Ersten Testaments, einer der wesentlichen und beunruhigendsten Aspekte der Theodizee-Frage. Selbst Erfahrungen von Fremdheit oder die Entfremdung zwischen Menschen, zum Beispiel aufgrund allzu unterschiedlicher Vor- und Werterfahrungen, haben keineswegs immer mit sittlichem Versagen zu tun. Und ist die Ressourcenknappheit auf der Erde nicht eher Ursache als Folge zwischenmenschlicher Machtkonkurrenz?

 

Steht die Autorität der Leidenden, insbesondere auch intensiv oder gar verzweifelt leidender Kinder, nicht gerade damit in engem Zusammenhang, dass ihre Not mit eigener Schuld nichts oder nur sehr wenig zu tun hat? Mitgefühl mit ihnen erfordert also, mit großem Respekt zu ihnen auf-, statt auf sie herabzublicken. Diese Sichtweise ist mit der Grundüberzeugung großer humanistischer Persönlichkeiten aus der jüdischen Tradition, vor allem Janusz Korczak und Viktor Emil Frankl, eng verwandt, erinnert aber auch an christliche Wegbereiter wie etwa Friedrich Spee, den mutigen Kämpfer gegen die ‚Hexen’verfolgung oder die Mitglieder der Weißen Rose während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Eine verstärkte Sensibilität gegenüber menschlichem Leid sollte, so der Autor, auch unseren Blick auf fragwürdige Erscheinungsformen des Christentums schärfen. So wendet sich J. B. Metz gegen jede Art von Sinneuphorie oder gar heilsgeschichtlichen Triumphalismus. Seiner Meinung nach sei vielmehr eine Karsamstagstheologie zu entwickeln, die den Krisen und schmerzlich offenen Fragen unserer Zeit weitaus eher gerecht würde. „Bis ans Ende der Zeit wird die Agonie Jesu dauern. Nicht schlafen darf man bis dahin“, forderte bereits Blaise Pascal.

Eine solche Theologie hätte eine beinahe uferlose Leere auszuhalten und wäre zugleich durch eine intensive Spannung gekennzeichnet. Sie verlöre das Vertrauen auf Rettung nie ganz aus dem Blick, obwohl diese bisweilen nur wie ein schwaches Licht über einem weit entfernten Horizont aufleuchtet. Sie würde sich immer wieder zu engagierter Liebe durchringen, der eine nur sehr verborgene Hoffnung innewohnt – wie einst bei den drei Frauen, die in der Nacht vor Ostern zum Grab Jesu unterwegs waren. Sie glaubt zwar an die Auferstehungsbotschaft, aber, so J. B. Metz, mit dem Gesicht zu einer größtenteils noch erschreckend unerlösten Welt und im Wissen darum, dass die Ohnmacht der Liebe, die Ohnmacht seiner Liebe, das wohl tiefste, schmerzlichste und schrecklichste Geheimnis Gottes ist.

Gerade im Hinblick auf Prozesse der Entsolidarisierung ist Memoria Passionis ein bemerkenswert wichtiges und hochaktuelles Werk. Das vielleicht schwierigste Hindernis zu deren Überwindung ist die Motivation von Menschen zur nteilnahme, zur Empathie, zum „Mitschmerz“ (Hilde Domin), zu tatkräftigem Mitgefühl im Sinne des Autors. Sein eigenes Schlüsselerlebnis bestand wahrscheinlich darin, 1945 als Einziger seiner Kompanie überlebt zu haben: Er war, wie viele andere Jugendliche, mit nur 16 Jahren noch zum Dienst an die Front gezwungen worden. Den Anblick der getöteten Freunde hat er wohl nie vergessen.

Lothar Kuld und Stefan Gönnheimer haben 2004 das Praxisbuch Compassion. Soziales Lernen an Schulen herausgegeben. Es enthält viele bedenkenswerte Anregungen, gerade auch für den Religionsunterricht. Doch gilt Johann Heinrich Pestalozzis Mahnung, dass Tugend nicht lehrbar sei, für vielleicht keine christliche Grundhaltung eher als für die Empathie. Hierzu sind vor allem Erweckungserlebnisse, Erfahrungen mitfühlende Zuwendung, ein möglichst frühes Einüben tatkräftiger Mitgeschöpflichkeit und solche Erziehende wie Janusz Korczak notwendig, dessen Wort: „Das Reich Gottes ist vor allem auf den Tränen derjenigen errichtet, die ihn lieben“ ganz vom Geist derselben Memoria Passionis durchdrungen ist wie die zukunftsweisenden, letztlich auch ermutigenden Ausführungen des Buches von Johann Baptist Metz.

Es bleibt zu wünschen und zu hoffen, dass sowohl ihm als auch der Fundamentaltheologie insgesamt künftig eine noch größere gesellschaftliche und auch kirchliche Wertschätzung zuteil werden wird.

Josef Gottschlich

 

Metz, Johann Baptist: Memoria Passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft. Freiburg , 4. Aufl. 2006, 288 S.

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