Notker Wolf: Ich denke an Sie. Die Kunst, einfach da zu sein.

Notker Wolf: Ich denke an Sie. Die Kunst, einfach da zu sein. München : Herder Verlag, 2020. – 155 S. ; 16,00 €

Die zunehmende Vereinsamung vieler Menschen in unserer modernen Gesellschaft ist ein Thema, das dem bekannten Benediktinerpater Notker Wolf in den letzten Jahren sehr häufig begegnet ist. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig, die Auswirkungen auf die Betroffenen aber immer sehr belastend. Doch der langjährige Erzabt und Abtprimas ist überzeugt, dass man dagegen sehr wohl etwas unternehmen kann – und auch sollte! Denn schon im Schöpfungsbericht der Bibel stelle Gott schließlich fest: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.

Natürlich soll deshalb nun nicht jegliche Form des (zeitweiligen) Alleinseins diskreditiert werden – gerade als Ordensmann weiß Notker Wolf, dass es einerseits einen großen Unterschied gibt zwischen echter Einsamkeit und der bewussten Suche nach Phasen der Abgeschiedenheit, die jeder braucht, um immer wieder einmal zu sich selbst zurückzufinden, und dass andererseits auch die vielen Formen menschlicher Gemeinschaft nicht immer nur eitel Sonnenschein hervorbringen, übrigens auch im Kloster nicht.

Als Ordensmann ist er sich aber ganz sicher: Wer in Gott geborgen ist, wird sich nicht dauerhaft einsam fühlen. Aus diesem Sich-in-Gott-geborgen-Wissen heraus erwächst jeder Christin und jedem Christen dann aber auch der Auftrag, sich jener anzunehmen, die unter der Einsamkeit leiden. Wer mithelfen will, die Vereinsamung zu überwinden, kann sich wirklich am besten am Beispiel Jesu orientieren. Jesus selbst musste wie kaum ein anderer die Erfahrung machen, alleine gelassen zu werden, am Ölberg wurde er sogar von den engsten Jüngern im Stich gelassen und verraten, am Kreuz erlebte er dann die völlige Verlassenheit, selbst noch vom Vater. In seinem Leben und Wirken hat Jesus dagegen immer wieder die größte Vereinsamung verzweifelter Menschen durchbrochen. Den vielen Wunderheilungen Jesu, von denen die Evangelien erzählen, wohnt nämlich stets auch eine soziale Konsequenz inne. Jesus wendet sich den Kranken, den Aussätzigen, den Sündern zu und durchbricht so ihre soziale Isolation.

Und das sollten wir alle uns zum Vorbild nehmen, findet Notker Wolf. Er selbst hat im Lauf seines Lebens immer wieder die Erfahrung gemacht, dass bereits eine ganz schlichte Art der Zuwendung, etwa der Satz „Ich werde an Sie denken“ oder die Versicherung, für jemanden zu beten, unglaublich hilfreich sein kann. „Wer an einen anderen denkt und ihm das auch sagt, der tut den Schritt auf ihn zu und reicht ihm eine Hand, die ihn aus der Einsamkeit herausführt.“ Und das können auch wirklich alle tun, denn „dafür braucht es keine Ausbildung, kein Studium, keine besonderen Charismen“.

In einer abwechslungsreichen Mischung aus Erinnerungen an selbst Erlebtes, Betrachtungen von Schriftstellen, Zitaten aus der Benediktsregel und praktischen Erfahrungen aus dem alltäglichen Klosterleben arbeitet Notker Wolf in mehreren Kapiteln eine ganze Reihe konkreter Beispiele heraus, wie eine solche Zuwendung aussehen kann: ein Krankenbesuch, verständnisvolles Zuhören, ein guter Rat, eine Einladung zur Tischgemeinschaft, eine Berührung, eine achtsame Geste, ein Gebet oder Segen – es gibt im Alltag eine Vielzahl an Möglichkeiten, Vereinsamung zu überwinden.

Diese Möglichkeiten auch zu ergreifen, könnte man nun gut und gerne als ein Gebot der Nächstenliebe verstehen, doch Notker Wolf vertraut darauf, dass man dafür eigentlich niemanden in die Pflicht nehmen muss, er macht vielmehr unzweideutig klar: Wenn wir auf die Einsamkeit anderer Menschen achtsam werden und dagegen angehen, dann macht das nicht zuletzt auch uns selbst eine ungeheure Freude. Noch motivierender könnte man eine solche Ermutigung gar nicht formulieren.

Rezension: Sankt Michaelsbund

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