Im Grunde gut : Eine neue Geschichte der Menschheit.

Bregman, Rutger: Im Grunde gut : Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure und Gerd Busse. Hamburg 2020. 480 Seiten. ISBN 978-3-498-00200-8

Zu den bemerkenswertesten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs gehört das Buch von Rutger Bregman: Im Grunde gut : Eine neue Geschichte der Menschheit.

Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau gehören zu den Autoren, deren Anthropologien im gymnasialen Religionsunterricht seit vielen Jahren regelmäßig eingesetzt werden. In der spannenden Auseinandersetzung um die Frage, ob der Mensch im Grunde gut oder schlecht ist, positioniert sich Rutger Bregman gegen die „Fassadentheorie“ (S. 21, Begriff von Frans de Waal), die wie Hobbes davon ausgeht, dass nur eine dünne Zivilisationsschicht Menschen davon abhält, ihre schlechte Natur auszuleben. Gesellschaftliche Grundannahmen, die in vielen Diskussionen eine große Rolle spielen, stellt der Autor an etlichen Beispielen auf den Prüfstand. So setzt er William Goldings „Herr der Fliegen“ eine Episode gegenüber, die sechs Jungen durchlebt haben, die ohne literarische Fiktion auf einer einsamen Insel gestrandet sind und sich nicht bestialisch verhalten haben (S. 39–59).

In Teil 1 „Der Naturzustand“ stellt der Autor Darwins survival oft the fittest mit verblüffenden Belegen The survival oft the friendliest gegenüber (S. 69–95), trägt Untersuchungsergebnisse zusammen, die dokumentieren, dass Soldaten alles dafür tun nicht zu schießen (S. 96–116), und weist an zwei Beispielen („Der Fluch der Zivilisation“, S. 117–138; „Das Geheimnis der Osterinsel“, S. 139–161) auf, in wessen Interessen die Erzählungen von der sogenannten barbarischen Welt von angeblich zivilisierten Völkern verzerrt wurden.

Die Lektüre von Teil 2 „Nach Auschwitz“ ist schwer zu ertragen. Es ist unglaublich, wie stark das erkenntnisleitende Interesse die angeblich objektiven Forschungsergebnisse zum Beispiel des Standford-Prison-Experimentes (S. 167–185) oder des Milgram-Experimentes (S. 186–206), die beide in aktuellen Unterrichtswerken unkritisch rezipiert werden, manipuliert haben.

Es bleibt die Frage, der sich Teil 3 widmet: „Warum gute Menschen böse Dinge tun“. Hier fasst der Autor Untersuchungen zusammen, die die Motivation von Soldaten aus ihrer Verbundenheit untereinander zu erklären versuchen (S. 228–249). Wichtig ist ihm „nein, das ist keine Entschuldigung für ihre Verbrechen. Es ist nur eine Erklärung“ (S. 235). Dass Macht korrumpiert (S. 250–267), ist weniger überraschend als die These, dass zu den Folgen der Aufklärung auch Rassismus gehört und – gegen besseres Wissen – die Betonung der egoistischen Natur des Menschen (S. 268–277).

„Ein neuer Realismus“ – Teil 4 – betont eine konsequente Verschiebung der Begrifflichkeiten. Realismus darf seines Erachtens nicht für sich beanspruchen, wer die Schlechtigkeit des Menschen berücksichtigt, sondern im Gegenteil: Realistisch ist es, vom Guten des Menschen auszugehen. Es macht Freude, seine Ausführungen und Beispiele zur „Kraft der inneren Motivation“ (S. 292–307), zum Homo ludens (S. 308–325) und zur echten Demokratie (S. 326–349) zu lesen.

Teil 5 heißt „Die andere Wange“. Das Zitat aus der Bergpredigt ist nicht zu übersehen. Der Autor trägt Beispiele zusammen, in denen diese Weisung erfolgreich in die Tat umgesetzt wurde („Tee trinken mit Terroristen“, S. 356–379, „Die beste Medizin gegen Hass, Rassismus und Vorurteile“, S. 380–397, „Als die Soldaten aus den Schützengräben kamen“, S. 398–412). Abschließend fasst der Epilog die Lektüre in „Zehn Lebensregeln“ (S. 412–433) zusammen.

Der christliche Blick auf die anthropologische Grundfrage steht für Rutger Bregman nicht im Vordergrund. Von seiner christlichen Erziehung erzählt er in der Vergangenheitsform (S. 71; 282), Religionen gehören für ihn zu den machtstabilisierenden Mythen (S. 260–263). Und doch ist die christliche Prägung nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Nachdem er die Antithesen von Gewaltverzicht und Feindesliebe (Mt 5,38–48) zitiert (S. 254f.), würdigt er das „nicht-komplementäre Verhalten“ Jesu (S. 355).

Das ganze Buch lässt sich – auch wenn dieses Zitat nicht vorkommt – als Bestätigung des biblischen Schöpfungsliedes lesen: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe! Es war sehr gut.“ (Gen 1,31). Auf jeden Fall enthält es viel Material, das sehr geeignet ist für den Kursstufenunterricht zur Anthropologie.

Das rückblickende Lesen der eigenen Buchbesprechung lässt den Eindruck zurück: Was erzählt sie da? Das klingt so utopisch. Wir kennen doch so viele Beispiele für das Hobbes’sche Menschenbild. – Ja, die kennen wir. Und Rutger Bergman kennt sie auch. Sein Blick darauf rüttelt ordentlich auf und bringt einiges ins Wanken, was als selbstverständlich galt. Vermutlich wird ihm heftiger Gegenwind entgegenwehen. Und doch ist er überzeugend. Das müssen Sie mir nicht glauben. Lesen Sie selbst! Es lohnt sich.

Dr. Sabine Mirbach

Hier die Hinweise des Verlages:

https://www.rowohlt.de/hardcover/rutger-bregman-im-grunde-gut.html

 

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