Kirche und Klimaschutz – jetzt ist die Zeit

Bordat, Josef: Kirche im Klimawandel. Eine Handreichung für Katholiken. Hamburg: tredition, 2020, 368 S.

Spätestens durch die Fridays for Future–Demonstrationen ist der Klimaschutz in die Mitte gesellschaftlicher Diskussionen in Deutschland gerückt. Wird hier unnötig Panik verbreitet? Ist der Anteil des Menschen an der Klimaerwärmung tatsächlich so hoch wie oft behauptet wird? Sind die Schäden ab einem gewissen Punkt wirklich nicht wiedergutzumachen? Und: Inwieweit lässt sich dies alles durch verlässliche wissenschaftliche Untersuchungen belegen?

All diesen Fragen stellt sich das vorliegende Buch und stellt sich darüber hinaus auch der Aufgabe einer ethischen und moraltheologischen Begründung des Klimaschutzes.

Im ersten Kapitel, Wissen, listet der Autor zunächst in angemessen sachlicher Weise die Folgen auf, welche bereits in den nächsten Jahrzehnten drohen, wenn es nicht gelingt, die CO2-Emission deutlich zu reduzieren. Dabei erklärt er Phänomene wie Treibhauseffekt, Kipppunkt und klimabedingte Migration sehr verständlich und zugleich fundiert, zeigt auf, dass naturbezogene Erklärungsversuche die Erderwärmung nicht einmal ansatzweise begründen können und arbeitet überzeugend heraus, dass in dem vom Menschen in die Luft geblasenen CO2 und CH4 (Methan) die eindeutige Hauptursache für den derzeitigen Klimawandel liegt. Dies belegt Bordat mit Hilfe von Untersuchungsberichten des internationalen, als Koryphäe weithin anerkannten Klimainstituts IPCC und von zehn kleineren Studien, die ausnahmslos den Anteil des Menschen an der Erderwärmung auf mindestens 90 % beziffern. Auch wenn dies nicht ausdrücklich bewiesen werden könne, gebe es aufgrund des hohen Bestätigungsgrades und der wenig schlüssigen Gegenargumente keinen vernünftigen Grund dafür, jene Theorie ernsthaft in Zweifel zu ziehen: Sie erweise sich somit als hochplausibel. Darum sei es vernunftgemäß, dass Individuen und Institutionen das ihnen Mögliche tun, um die Erderwärmung soweit als möglich zu verringern.

kirche im klimawandelKapitel 2, Moral, dient dazu, diesen Sollensanspruch anthropologisch und ethisch zu untermauern. Dies geschieht zunächst, im Rückgriff auf die beiden Schöpfungserzählungen Gen 1/Gen 2, anhand des christlichen Menschenbildes und der Schöpfungstheologie. Aufgrund der Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde als reinem Geschenk müsse sich menschliches Handeln stets daran messen lassen, inwieweit es dieser Beziehung und Gabe gerecht werde. Verstärkt wird dies noch durch den Schöpfungsauftrag (Gen 1,28 und Gen 2,15), verantwortlich mit der Erde umzugehen, sie zu hegen, zu pflegen und zu behüten.

Dennoch vertritt Bordat zugleich auch einen gemäßigten Anthropozentrismus, denn der Mensch unterscheide sich nicht nur graduell, sondern auch prinzipiell von allen Mitgeschöpfen; auch sei der Klimaschutz vor allem deswegen wichtig, um den Menschen als Gattung zu erhalten. Hier wäre zu hinterfragen, ob im Hinblick auf die Personstruktur zwischen „höheren“ Säugetieren und Menschen vielleicht fließende Übergänge möglich sind und auch der Schutz von Tier- und Pflanzenarten ein bereits nicht zu unterschätzendes Ziel und einen Selbstzweck des Klimaschutzes darstellt. Zudem dürften säkular-humanistisch Orientierte den Menschen nicht grundsätzlich absolut setzen und ihm grenzenlose Herrschaft über die Natur zugestehen, denn auch diese Weltanschauung lässt zu, in Sensibilität und Bescheidenheit davon überzeugt zu sein, dass es nicht rechtens sei, etwas zu gefährden, auszubeuten oder gar zu zerstören, was man nicht selbst geschaffen hat.

Dennoch ist der vom Autor eingeschlagene Mittelweg zwischen radikalem Anthropozentrismus und einer Einebnung der Mensch-Natur-Hierarchie begrüßenswert und zukunftsweisend, zumal er sich sehr gut mit dem von Hans Jonas im Prinzip Verantwortung formulierten Imperativ in Einklang bringen lässt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“. Bordat ergänzt hierzu Ottmar Edenhofers Aufruf: „Handle so, dass durch deine Handlungen künftiges Handlungsvermögen nicht irreversibel zerstört, sondern nach Möglichkeit vermehrt wird“. Wichtig ist die Offenheit dieser Imperative; sie legen inhaltlich längst nicht so eindeutig fest, was zu tun ist, wie etwa die Zehn Gebote. Zu sehen sind jene vor allem im Zusammenhang einer Ethik der Folgenverantwortung. Hier betont Bordat, untermauert durch Argumente von Rudolf Spaemann und Eberhard Schockenhoff, dass der Mensch weder eine Allein- noch eine Letztverantwortung auf sich nehmen müsse, sehr wohl aber eine Mitverantwortung. In Bezug auf den Klimawandel werden hierfür drei spezifische Probleme benannt: Relativität (viele Handlungen wie Urlaubsflüge, sind nicht an sich schlecht, sondern deren Folgen), Globalität (die Hauptleidtragenden des Klimawandels leben oft nicht im näheren Umfeld) und der Zeithorizont (die negativen Auswirkungen sind kurzfristig nicht wahrnehmbar).

Daraus ergibt sich die so entscheidende Frage der Motivation – eine „Öko-Diktatur“ lehnt der überzeugte Demokrat Bordat dankenswerterweise entschieden ab.

Im dritten Kapitel, Kirche, macht der Verfasser deutlich, dass in kirchlichen Verlautbarungen seit Anfang der 1970er Jahre, also früher als von vielen politischen Parteien, immer wieder auf die Notwendigkeit von Naturschutz, eines sparsamen Umgangs mit Rohstoffen sowie einer gerechteren Verteilung von Ressourcen und Kosten hingewiesen wird. Der Autor schlägt dabei den Bogen von der Weltbischofssynode 1971 über Rundschreiben der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. bis hin zur Enzyklika Laudato si (2015) des jetzigen „Öko-Papstes“ Franziskus. Durchgehend zeigt sich hier eine Kritik an Rücksichtslosigkeit, Konsumentenmentalität, Kapitalismus und blindem Vertrauen in die Technik. Angemahnt wird ein Gesinnungswandel hin zur Mitgeschöpflichkeit, Sparsamkeit sowie der Unterstützung erneuerbarer Energien und globaler Gerechtigkeit, wozu nicht nur Individuen, sondern auch Institutionen aufgerufen werden, zumeist in einem appellativen, zugleich aber vertrauensvoll-ermutigenden Grundton.

Konkretisiert wird all dies in Kapitel 4, Schutz. Hier werden zunächst die Haupthandlungsfelder benannt (Energie, Gebäude, Verkehr und Ernährung), danach folgen Hinweise für die individuelle Lebensführung und für strukturelle Maßnahmen. Diese sind inhaltlich nicht neu, aber gut pointiert zusammengefasst und so verständlich erklärt, dass sie im Ethik- oder Religionsunterricht bereits ab der 7. Jahrgangsstufe Verwendung finden können. Deutlich wird vor allem, dass von den meisten Bewohnern Deutschlands weder eine gravierende Minderung des Lebensstandards noch eine wirklich erhebliche ökologische Selbstbegrenzung zu leisten wäre und die Übernahme von Mitverantwortung, etwa für Müllvermeidung oder artgerechte Tierhaltung, auch Freude machen kann. Institutionell wird eine deutlich höhere CO2-Besteuerung, etwa für Flüge, oder das Verbot eines CO2-Ausstoßes über festgelegte Grenzen hinaus empfohlen. Darüber hinaus macht Bordat deutlich, dass Bürgerinnen und Bürger durch ihr Verhalten maßgeblich dabei mitwirken, inwieweit umweltfreundliche Errungenschaften wie Ökostrom, erneuerbare Energien, Bio-Nahrungsmittel oder Solarflugzeuge staatlich unterstützt werden oder nicht. Auch zeigt er anhand konkreter Maßnahmen (wie der Verwendung erneuerbarer Energien) auf, dass viele Pfarreien beim Klimaschutz mit gutem Beispiel vorangehen. Auch Deutschland insgesamt sei aufgrund seines Reichtums zu einer solchen Vorreiter-Rolle aufgerufen – gleichzeitig müssten die Lasten international aber gerecht verteilt werden, nicht nur auf die Industrienationen, sondern auch auf die Schwellenländer.

Ähnlich wie die Publikation Vom Ende der Klimakrise (2019) von Luisa Neubauer und Alexander Repenning ist auch Josef Bordats angenehm unpolemisches, sehr gründlich recherechiertes Buch (852 Fußnoten!) aufrüttelnd, zukunftsweisend und hoffnungsvoll. Deutlich wird: Wenn alle mithelfen und sich, auf durchaus zumutbare Weise, in ihrer Lebensführung einschränken, können nicht wiedergutzumachende Schäden des Klimawandels immer noch verhindert werden – auch wenn dies keinen langen Aufschub mehr erlaubt.

Das Buch kann im Medienportal der Mediathek Freiburg ausgeliehen werden. Das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe finden sich hier>>>.

Josef Gottschlich

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