Wegweisende Impulse zur geschlechter-, kultur- und religionsverbindenden Annäherung

Kulaçatan, Meltem; Behr, Harry Harun (Hg.): Migration, Religion, Gender und Bildung. Beiträge zu einem erweiterten Verständnis von Intersektionalität. Bielefeld: transcript 2020, 328 S.

Die Publikation ist aus der Jahrestagung 2017 des Rates für Migration in Frankfurt/Main zum Thema Gender und Religion als Bildungsfaktoren hervorgegangen. Sie umfasst die Verschriftlichung aller zwölf Vorträge, die während der Veranstaltung gehalten wurden.

 

Der einleitende Beitrag von Harry Harun Behr erörtert gegenwärtige religionspolitische

Problematiken im Spannungsfeld von Migration, Gender, Bildung, Religion und lebensweltlicher Orientierung. Der Autor erinnert daran, dass eines der ursprünglichsten Ziele des Islams darin besteht, sowohl eine religiöse Überwältigung der Welt als auch eine weltliche Überprägung von Religion zu vermeiden (S. 17). Um das zweite dieser Ziele zu erreichen, ruft er zu einem gewaltfreien Engagement gegen den Machtmissbrauch von Herrschenden und dem Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte auf.

Gegenwärtig beklagt Behr vor allem das Fehlen einer religionspolitischen, international ausgerichteten Vision. In diesem Zusammenhang warnt er zum einen vor einer unkritischen Verherrlichung aller reformislamischen Entwürfe, zum anderen aber auch vor intellektuell oft erschreckend dürftigen Strömungen einer Archaisierung und Erstarrung, die gerade von jungen Menschen häufig als rückwärtsbezogen, langweilig und wenig lebensrelevant empfunden werde.  In Bezug auf die derzeit vorherrschende (Religions-)Pädagogik stellt der Autor gesellschafts- und wissenschaftskritisch fest:

„Gerade das, was früher einmal Pädagogik genannt wurde (und es endlich wieder werden müsste), versteht sich inzwischen mehr als empirische Wissenschaft, die sich auf Begriffsfelder wie Diagnostik und Innovation, Kompetenz und Bildungsstandard verlegt, welche Unterricht als Management versteht und die Lernerfolg ebenso wie die Bedingungsfaktoren dieses Erfolges zu qualifizieren und zu quantifizieren versucht. [Dies] birgt […] das Risiko der Orientierungslosigkeit und Fehlleitung der Technokratisierung – insbesondere dann, wenn die ideologischen Führungstheorien (und diese sind immer vorhanden) unentdeckt bleiben und nicht thematisiert werden […].“ (S. 41 f.).

Um diesen Missstand zu beheben, stellt der Autor einen Katalog mit Maßnahmen zur Verbesserung schulischer und universitärer Strukturen vor, unter anderem zu mehr Lebensweltorientierung bei religiöser Erziehung, größerer Bildungsgerechtigkeit, differenziert-dialektischem Denken, der kritischen Überprüfung fragwürdiger Narrative und Traditionen (z.B. Gewaltverherrlichung) sowie einer Neubelebung der Wechselbeziehung zwischen Religion und freiheitsorientierter Moderne  (S. 70–73). Vor allem die Zukunftsperspektiven und Sinnbedürfnisse von Jugendlichen sollten künftig wesentlich stärker in den Blick genommen werden – nicht nur, aber auch im Islam.

 

Yasemin Karakaşoğlu zeigt in ihrem Text auf, dass im Zusammenhang von Schule, Religionsunterricht, Geschlecht und Bildung der Erwerb einer allgemeinen religiösen Mitsprachefähigkeit eine unabdingbare Voraussetzung darstellt, um fragwürdige, allzu einseitige Stereotype zu durchschauen, eine größere Sensibilität gegenüber anderen Kulturen zu entwickeln und zu einer wirklich reflektierten, differenzierten Sichtweise, auch gegenüber der jeweils eigenen Position, zu gelangen. Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass sich nach einer aktuellen Umfrage 96 %

der jungen Musliminnen hierzulande Deutschland eng verbunden fühlten (S. 94 f.) sowie Vernetzungen mit anderen Religionen und Kulturen ausdrücklich befürworten.

 

Andrea Hertlein und Rudolf Leiprecht stellen auf der Grundlage eigener Erfahrungen mit ausländischen Studierenden derzeitige Hochschulstrukturen in Deutschland infrage, da sie Migrantinnen und Migranten sowohl den Beginn als auch einen erfolgreichen Verlauf und Abschluss von Studiengängen oft enorm und ungerechtfertigt erschwerten. So etwa würde ein in Nicht-EUStaaten erworbenes Abitur entweder überhaupt nicht anerkannt oder nur mit hohen Abzügen bei der Durchschnittsnote um bis zu 70 % des Ausgangswertes (S. 121). Weiterhin sei das

Aufnahmeverfahren mit dem Ausfüllen von etwa 50 Formularen extrem bürokratisch und unnötig aufwändig. Besonders kritisch wird gesehen, dass viele Universitäten das zweithöchste Zertifikat von Deutschkursen der Goethe-Institute (C1) trotz dessen hoher Anforderungen inzwischen nicht mehr als ausreichend für die Aufnahme eines Studiums anerkennen (S. 129). Hertlein und Leiprecht stellen einige, an der Universität Oldenburg teilweise bereits umgesetzte Verbesserungsempfehlungen vor (S. 136) und verweisen auf die große Bereicherung, die akademisch gebildete Migrantinnen und Migranten, welche Kindheit und Jugend in ihren Herkunftsländern verbracht haben, für Deutschland zumeist sind, insbesondere bei einer späteren Tätigkeit in (sozial-)pädagogischen Handlungsfeldern.

 

Monica van der Haagen-Wulff und Paul Mecheril thematisieren in ihrem Beitrag, wie sich Rassismus begünstigende Verhaltensweisen in einer Gesellschaft entwickeln und festigen. Hierbei spielten Affektlogiken von Angst und Wut eine oft entscheidende Rolle. Viele verschlössen sich dem Appell an die politische und wirtschaftliche Mitverantwortung Europas für eine gerechtere Zukunft, weil sie um den Verlust von Privilegien, besonders ihres Wohlstandes fürchteten (S. 163) – was häufig zur Zurückweisung einer Ethik des Teilens und der Hilfsbereitschaft führe. Erschwerend hinzu kämen die zuletzt immer häufigere Durchsetzung autoritärer Tendenzen und Regime in bestimmten EU-Staaten

sowie zunehmende Sympathien für einen kulturell-religiös (angeblich christlich) geprägten Nationalismus (S. 167 f.). Übersteigerte Befürchtungen ohne wirkliche Sachkenntnisse oder persönliche Erfahrungen mit Betroffenen sowie ein überhöhtes Sicherheitsbedürfnis führten häufig zu unreflektierten Projektionen (Sündenbockdenken) und radikalen Ab- oder Ausgrenzungsstrategien.

 

Der Text von Christine Horz macht auf die Mitverantwortung medialer Berichterstattung aufmerksam

– vor allem in Bezug auf die Festigung von antimuslimischen Vorurteilen einerseits und Geschlechterrollenstereotypen andererseits. So werde Fremdenangst oft auf fragwürdige Weise verharmlost. Die Autorin beklagt, dass viele Journalistinnen und Journalisten über ein nicht wirklich fundiertes Fachwissen zur Migration sowie zum Islam und seiner großen Vielfalt verfügten; zudem könnten lediglich etwa drei Prozent dieser Berufsgruppe aus den Erfahrungen einer eigenen Migrationsgeschichte schöpfen (S. 181). Besonders beunruhigend sei, dass in nur vier Prozent aller Beiträge über Geflüchtete diese auch selbst zu Wort kämen. Somit gerate die Ursachenbeschreibung von Flucht oft allzu oberflächlich und undifferenziert; zu selten werde artikuliert, dass es hierbei allermeistens nicht um größeren Wohlstand gehe, sondern um das nackte Überleben (S. 188). Auch werde der Islam insgesamt oft allzu sehr in die Nähe terroristischer Aktivitäten gerückt, während etwa über die Morde der NSU und ihre Hintergründe auffallend wenig berichtet worden sei.

 

Helma Lutz entfaltet in ihrem Aufsatz, inwieweit Konzeptionen der Andersartigkeit zu Geschlecht und Gender sich auf Diskussionen über Flucht und Migration auswirken. Sie gibt vielfältige Denkanstöße zum Abbau von Gegensätzlichkeiten und warnt davor, Männer mancher Volksgruppen und Religionsgemeinschaften unter den Generalverdacht zu stellen, Frauen machtförmig und rücksichtslos auszubeuten. Hierbei weist Lutz auch auf die unpräzise, teilweise auch verfälschende Darstellung mancher Ereignisse und Sachverhalte in den Medien hin: So etwa seien für die

Vergewaltigung vieler muslimischer Frauen während der Demonstrationen in Ägypten im Zuge des Arabischen Frühlings nicht Männer aus der Zivilbevölkerung, sondern von der Regierung beauftragte paramilitärische Kräfte verantwortlich gewesen, welche zur Bekämpfung und Niederschlagung der Demokratiebewegung angeworben wurden (S. 217).

 

Sabine Hess und Johanna Elle machen auf Mängel in Unterbringungen für Geflüchtete aufmerksam. So seien z.B. Schutz und Sicherheit von Menschen mit homosexueller Veranlagung, Repräsentanten ethischer oder religiöser Minderheiten sowie von Mädchen und Frauen oft nicht genügend gewährleistet (S. 233) – besonders dann, wenn Angehörige verfeindeter Ethnien, etwa türkischer und kurdischer Abstammung, auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Neben der Verbesserung hygienischer Standards, gerade zum Schutz der Intimsphäre, wird vor allem angemahnt, die Wohnbereiche (alleinstehender) Frauen und Männer künftig stärker voneinander abzugrenzen.

 

Der Beitrag von Betül Karakoç widmet sich dem weiblichen Kultuspersonal in Moscheegemeinden, etwa Imaminnen, und untersucht, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielen junge Türkinnen und Deutsche türkischer Herkunft derzeit islamische Theologie studieren. Dabei stellt die

Autorin fest, dass diese nicht nur in Metropolen arabischer Staaten, sondern inzwischen auch in der Türkei einen Anteil von etwa 70 % aller Studierenden aufweisen (S. 258). Bemerkenswert ist, dass viele dieser Frauen den wissenschaftlichen und somit auch historisch-kritischen Zugang zum Islam, etwa an der Universität in Konya, eher begrüßen als eine eher traditionalistische Herangehensweise (S. 270). Nach Abschluss ihres Studiums kehren viele Frauen nach Deutschland zurück, um entsprechend selbstbewusst eine Tätigkeit in verantwortungsvoller Position anzustreben und auszuüben, sei es im Religionsunterricht oder in den Moscheegemeinden, etwa als Predigerin. Dadurch sei, zumindest unterschwellig, schon vieles in Bewegung gekommen.

 

Frank van der Velden ruft zu einem grundsätzlich sensibleren Umgang mit (religions-)geschichtlichen

Narrativen und zu einer Wiedererinnerung an hoffnungsstiftende, dennoch aber nahezu vergessene Ereignisse und Persönlichkeiten auf. So sei bemerkenswert, dass eine frühe Migration von Muslimen in das bereits im 7. Jahrhundert christlich geprägte und regierte Äthiopien zu einem lange anhaltenden, überwiegend erfreulichen und kompromissbereiten Miteinander beider Religionen geführt habe (S. 295 f.). In diesem Zusammenhang erinnert der Autor auch an die keineswegs relativistische, aber tolerante Grundhaltung von Friedrich dem Großen, Maria Theresia und Joseph II. sowie der Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Gotthold Ephraim Lessing in Bezug auf religiöse Vielfalt und charakterisiert jene als wegweisend für die Zukunft (S. 301).

 

Meltem Kulaçatan schließlich widmet sich religiösen Einstellungen von jungen Musliminnen und Muslimen in der postmigrantischen Gesellschaft Deutschlands. Dabei betont sie, dass diese immer öfter säkular orientiert seien (S. 312) und aufgrund von Diskriminierungserfahrungen häufig in Subkulturen oder Organisationen Beheimatung suchten, die unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Religion oder Weltanschauung ein Mitwirken ermöglichen (z.B. Umweltorganisationen oder amnesty international). Der islamischen Theologie rät die Autorin an, sich künftig noch mehr dem interreligiösen Dialog, vor allem aber dem Problem sozialer Ungerechtigkeit zu stellen (S. 323); nichtmuslimische Gesellschaftsmitglieder bittet sie um mehr Offenheit und Wertschätzung für den Islam, die Infragestellung von Verallgemeinerungen und Verdächtigungen sowie einen kritischen Blick auf noch nicht überwunden Sexismus, auch im jeweils eigenen Kulturkreis.

 

Das empfehlenswerte Buch gibt insgesamt erfreulich viele Impulse zur Partnerschaftlichkeit zwischen

Geschlechtern und Kulturen sowie für eine noch bessere Verständigung zwischen Christentum und Islam – wobei nicht verschwiegen wird, dass diese neben Verhaltensänderungen und fortdauernder persönlicher Kraftanstrengung auf jeweils beiden Seiten auch, teilweise sogar tiefgreifende, strukturelle Verbesserungen erfordert.

Viele der Beiträge überzeugen durch hohe Intensität und Überzeugungskraft. Auch wenn man über mache Schlussfolgerung durchaus geteilter Meinung sein kann, wird unverkennbar klar, dass die behandelten Themenfelder deutlich vielschichtiger und mehrdimensionaler sind als weithin angenommen. Zudem ergibt sich (einmal mehr!) als Notwendigkeit, einander, unter den ethischen Rahmenbedingungen der Menschenrechte, ein möglichst facettenreiches Rollenverständnis und  -verhalten zuzugestehen. Eine unkritisch-widerspruchsfreie Einheit, auch mit sich selbst sowie mit der eigenen Ethnie, Kultur und Religion, wäre in diesem Zusammenhang nicht nur fragwürdig, sondern sogar abwegig: Erweisen sich, insbesondere zur Vermeidung eines Identitätswahns (Thomas Meyer), nicht auch hier Balanceakte und Annäherungsprozesse als völlig ausreichend?

 

Josef Gottschlich

 

Weitere Hinweise zum Buch, z.B. Inhaltsverzeichnis und Vorwort, finden sich hier>>>.

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