Für eine Kirche der Freiheit

Du ziehst mich,

aber mit keinem Seil […],

du hast mein Blut entzündet,

aber mit keinem Feuer,

du hast mich hinter die Wand der Nacht geführt,

aber mit keinem Finger

und ich sehne mich so nach Dir!

(Gebet Abrahams aus Nelly Sachs: Abram im Salz, szenische Dichtung, 1944)

Wenn es dem Menschen nicht gelingt,

Freiheit und Gerechtigkeit miteinander auszusöhnen,

dann misslingt ihm alles.

(aus Albert Camus: Tagebücher 1935-1951)

Zur Freiheit hat Christus uns befreit.
Bleibt daher fest und

lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen.

(Galater 5,1)

Der frühe Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt wurde einmal gefragt, was ihm außer der Völkerverständigung sonst noch vorrangig wichtig sei. Spontan antwortete er: die Freiheit. Bei mehr und mehr Katholik*innen, gerade denjenigen, die ganz bewusst nicht aus der Kirche austreten und dies auch künftig nicht beabsichtigen, verhält sich dies ganz ähnlich. Der Fundamentaltheologe Magnus Striet ist im deutschsprachigen Raum einer der wichtigsten von ihnen. Wie bereits in seiner Publikation „Ernstfall Freiheit“ (im Medienportal: hier>>>) begründet er, dieses Mal noch fundierter und ausführlicher, was er genau unter Freiheit versteht. Rein persönliche Beliebigkeit ist dies keineswegs, denn Striet betont als überzeugter und überzeugender Neukantianer beharrlich, dass diese Freiheit einerseits immer wieder von intensivem Mitschmerz mit Gottsuchenden und Notleidenden gelenkt werden solle („In der Gottesschleife“, im Medienportal: hier>>>) und andererseits stets dort enden müsse, wo die Freiheitsrechte anderer beschnitten oder eingeschränkt würden – was einem sehr sorgsamen, ja nahezu selbstlosen grenzachtenden Verhalten entspricht.

Zurecht großen Raum nimmt dann die Frage ein, nach welchem Maßstab sich die Freiheit sonst ausrichten soll. Im Zusammenhang mit der unter anderem auf Immanuel Kants Kategorischen Imperativ zurückgehenden Grundnorm Leben in Würde soll sein (d. h. ohne von anderen nur als Mittel zum Zweck benutzt und ausgebeutet zu werden) betont Magnus Striet die Grundnorm Leben in Freiheit soll sein als gleich- oder gar vorrangig. Dies ist gerade in pädagogischer Hinsicht wichtig, weil jene Gleichsetzung beider Sollensansprüche darauf abzielt, dass Menschen Gutes gerne und freiwillig tun, also keinesfalls unter Druck, Zwang, oder gar aus Furcht vor Bestrafung.

Die Passagen des Buches, in denen es um die schon länger schwelende Debatte zwischen Magnus Striet und dem Dogmatiker Karl-Heinz Menke geht, ob die Wahrheit zeitlichen und ursächlichen Vorrang vor der Freiheit habe (Menkes Position) oder umgekehrt, sind am anspruchsvollsten und können hier nicht im Detail nachgezeichnet werden.

Erfreulicherweise hebt Striet jedoch hervor, dass diese beiden Auffassungen eine erstaunlich große Schnittmenge aufweisen. Daraus könnte die Schlussfolgerung gezogen werden, dass Wahrheit und Freiheit gleichursprünglich sind und beiden als Maßstab ein noch prinzipiellerer Modus zugrunde liegt: die Güte.

Nach bereits griechisch-philosophischer Tradition sind fünf Modi grundlegend für alles Weitere, vor allem als Bedingungen der Möglichkeit, um sittlich zu handeln: das Sein, die Güte, die Wahrheit, die Einheit/Einigkeit und die Schönheit. Zu ergänzen wären mit sehr guten Gründen noch die Freiheit und auch die Gerechtigkeit – denn gerade die (wiederholte) Erfahrung von Unrecht ist eine der verhängnisvollsten Bedingungen eines großen Verlusts an Weltvertrauens, vielleicht sogar Gottvertrauens (Striet: „nicht mehr glauben können“).

Sehr vieles spricht dafür, auch um den viele Gläubige schon seit Jahrzehnten belastenden erbitterten Dauerstreit zwischen eher (struktur-) konservativen und eher reformorientierten Katholik*innen einzudämmen, der Güte im Vergleich zu den anderen sechs Grundgegebenheiten den Vorrang einzuräumen. Eine so verstandene Fundamentalethik würde genau dem entsprechen, was Augustinus mit den Worten „Liebe – und dann (!) tu, was du willst“ und Paulus mit seinem Hohenlied in 1 Korinther 13 sehr treffend auf den Punkt gebracht haben.

Genau hier könnte dann auch die Bündelung der katholischen Sexualethik auf einige ganz wesentliche Aspekte anknüpfen: Leibliche Nähe empfiehlt sich nur bei wirklicher gegenseitiger Liebe. (Der im Buch verwendete Begriff „sexuelle Selbstbestimmung“ ist etwas unscharf, denn in der Lebenspraxis ist dies ja immer die Selbstbestimmung eines Paares). Als wesentliche Voraussetzung für die Liebe zwischen zwei Jugendlichen oder zwei Erwachsenen erweist sich eine möglichst große Gleichberechtigung unter ihnen. Von ganz entscheidender Bedeutung, auch schon im Ersten Bund am Berg Sinai, ist weiterhin die Verpflichtung auf eheliche Treue. All dies entspricht dem Grundsatz Mit Sexualität kein Leid zufügen. Brauchen Menschen mit genug Einfühlungsvermögen und einem sorgsam gebildeten Gewissen hierfür denn wirklich noch weitere Anweisungen oder Empfehlungen?
Magnus Striet setzt sich darüber hinaus völlig zurecht dafür ein, dass auch gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen grundsätzlich anerkannt werden, damit Katholik*innen diese künftig angstfrei und mit ebenso großer Unbefangenheit und Freude gestalten können wie Paare mit heterosexueller Ausrichtung.

Diskutiert wird im Buch auch, ob eine demokratisch verfasste Kirche (vgl. Matthäus 23,8) menschenfreundlicher sei und eine stärke Anziehungskraft entfalten könne als eine monarchisch-hierarchische (vgl. Mt 16,18), wie wir sie heute kennen. Diese Grundfrage wird immer wieder mit dem derzeit tagenden Synodalen Prozess oder auch mit der Möglichkeit der dauerhaften Einrichtung eines Kirchenparlaments in Beziehung gesetzt.

Eine solche Gewaltenteilung würde zwar die Herrschaftsverhältnisse in der katholischen Kirche verschieben, aber den Respekt vor dem Priester- oder Bischofsamt allein dadurch keinesfalls schwächen. Gerade um eine möglichst anspruchsvolle Gewissensbildung bemühte Gläubige dürften auch künftig sehr ernsthaft und aufmerksam zuhören und bedenken, was Hirten und Oberhirten ihnen hierfür an Unterstützendem zu sagen haben.


Auch das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) wird davon nicht berührt, da es sich lediglich auf den Erlass neuer normativ-verbindlicher Glaubensaussagen (Dogmen) bezieht – und diese wollen die am Synodalen Prozess Teilnehmenden keinesfalls ändern oder gar aufheben.

Als weiteres wichtiges Reformanliegen diskutiert Magnus Striet eine mögliche Zulassung von Frauen zur Weihe und zu kirchlichen Ämtern. Auch hierfür zeigt er Verständnis und Offenheit, zumal es nicht dogmatisch festgeschrieben ist, dass diese Ämter allein Männern vorbehalten sind. Spräche hier nicht einiges für eine stufenweise Reform, also zunächst die Zulassung von Frauen zum Amt des Diakonats? Und zeigt nicht das Beispiel der evangelischen Kirche, dass Pfarrer und Bischöfe im Grunde keine Einbußen und Erschütterungen zu befürchten brauchen, wenn Frauen künftig auch zu diesen Ämtern zugelassen würden? Unabhängig davon ist erfreulich, wie viele Frauen gerade im Erzbistum Freiburg bereits in Leitungspositionen tätig und engagiert sind.

Ob der Heilige Geist tatsächlich wirkt – gerade so hätte bzw. hat Gott die Möglichkeit, bei aller Freiheitsfürchtigkeit, zuvorkommend-zurückhaltend, behutsam und indirekt auf die (Kirchen-) Geschichte Einfluss zu nehmen – zeigt sich vielleicht am deutlichsten an der Art und Weise, wie miteinander gestritten und gemeinsam um die Wahrheit gerungen wird. Striet lässt deutlich erkennen, dass ihm das – bei aller Klarheit der eigenen Position und der Entschiedenheit in der Sache – ebenfalls ein wichtiges Anliegen ist. Deutlich eher wird Bedauern über die derzeitigen Krisenherde erkennbar als Aggression oder Wut. Gerade das abschließende Zitat von Hermann Krings bringt dies sehr offensichtlich zum Vorschein.

Immer schon war, gerade in stürmischen Zeiten, wichtig, „Altes und Neues“ aus dem großen Schatz der katholischen und auch der gesamtchristlichen Tradition hervorzutragen (Mt 13,53). Wie Magnus Striet unmissverständlich schreibt, bedarf es hierzu eines dialektischen, auf gegenseitige Ergänzung abzielenden Denkens und Diskutierens. Wäre es deswegen nicht höchst fragwürdig und unredlich, wenn immer wieder dieselben Menschen und Gruppen in Konfliktsituationen nachgeben und zurückstehen müssten?

Die schon vor 50 Jahren in der Korrelationsdidaktik aufkommende Frage, ob Glaubensüberlieferung durch Lebenserfahrung kritisiert und dann auch sorgfältig-vorsichtig erneuert werden darf, ist auch für die Verhandlungen beim Synodalen Weg von zentraler Bedeutung. Hier kommt es wohl wesentlich auf die Tragfähigkeit und Tiefe, vielleicht auch auf die Erschütterungskraft dieser Erfahrungen an. Besonders Heiligenbiografien geben einen Hinweis darauf, dass es für den Aufbau einer menschenfreundlicheren Kirche durchaus ratsam sein könnte, jene Frage zumindest nicht vorschnell mit Nein zu beantworten. Hierfür stellt das vorliegende Buch viele Denkanstöße und Argumentationshilfen bereit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Josef Gottschlich

Striet, Magnus: Für eine Kirche der Freiheit. Den Synodalen Weg konsequent weitergehen. Freiburg: Herder 2022, 144 S.

Das Buch kann hier>>> im Medienportal Freiburg ausgeliehen werden.

Weitere Informationen und eine Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis finden sich hier>>>.

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